![]() ![]() Antarktis – Faszination pur und eisige Ablehnung? Unsere Reise 2001 in eisige Zonen. |
Gestern haben wir als letztes die Wanten unserer Assy für die Drake Passage stärker durchgesetzt, wir sind startbereit. Wir, das sind Robin, Beate und ich. Robin kennen wir seit unserer 1. Atlantiküberquerung. Damals segelte er vier Monate mit uns. Heute ist er für unsere Antarktisexpedition wieder mit an Bord. Ihn fasziniert die Antarktis ebenso wie uns und er will für seine eigenen Vorhaben Praxiserfahrung sammeln. Wir sitzen gerade am Kaffeetisch und genehmigen uns eine Tasse, als ein ungeheurer Knall unsere Assy bis in den letzten Winkel erzittern lässt. Wir stürzen an Deck, nichts zu sehen! Was war das? Auch von den anderen Yachten sind Eigner, Skipper und Mannschaften an Deck gekommen und suchen die Ursache des Knalls. Während wir gegen besseres Wissen hoffen, dass die Ursache nichts mit uns zu tun hat, deutet der Skipper der Nachbaryacht auf unseren Wasserstag. Er hängt senkrecht ins Wasser. Gebrochen. Eine genaue Untersuchung ergibt: Materialfehler. Er sollte nicht das letzte Hindernis auf unserem Weg in die Antarktis sein. Während wir auf das erforderlich Material aus Santiago warten und Heinz-Jürgen und Robin jeden Millimeter unseres Riggs checken, wird mir immer wieder schwummrig bei der Vorstellung, dies wäre auf der Drake Passage passiert. Eine Woche später ist das Material eingetroffen und beide haben mit Hilfe der Chilenischen Armada einen neuen Wasserstag angefertigt. Erneut sind wir startbereit. Der Abschied von Snowy, den wir bei seiner Hundefreundin La Luna in Puerto Williams lassen, fällt ihm leichter als uns. Gern hätten wir ihn dabei gehabt, aber auf Grund des Antarktisvertrages ist es nicht gestattet, Tiere mit in die Antarktis zu nehmen. Wir trösten uns mit dem Wissen, dass es ihm bei unseren Freunden gut geht. Es geht los! Puerto Williams liegt hinter uns, es ist ein ruhiger Tag, das Wetter sieht gut aus, trotzdem bin ich nervös, habe eine latente innere Unruhe. Ist es die bekannte weibliche Intuition? Ohne Wind motoren wir über die Nassau Bay und Heinz-Jürgen meint: „Wenn es so weitergeht, müssen wir an Kap Horn vorbei motoren". Keine Stunde später, wenige Meilen nordöstlich vom Kap, ein erster Windhauch aus Südwest. Aus ihm entwickelt sich binnen 20 Minuten ein in keiner Wetterkarte verzeichneter Sturm. Der Wind nimmt so schnell zu, dass wir kaum mit dem Reffen nachkommen. Beim Einrollen des Klüvers verfängt sich die Reffleine der Baumfock in der Klüverschot und zerreißt die Baumfock. Keine 30min später platzt plötzlich bei fast 60Kn Wind unser 3x gereffte Gross, das sich sehr gut als Sturmsegel bewährt hat. Damit ist uns klar, wir müssen aus Sicherheitsgründen zurück. Wir sitzen im Cockpit und können es kaum fassen, unser Trip in die Antarktis ist in weite Ferne gerückt. Möglicherweise sogar mit unseren Segeln geplatzt. Mein ungutes Gefühl hat mich also nicht getäuscht und es machen sich Zweifel breit, sollen wir wirklich fahren? Auf dem Rückweg nehmen wir den Sturm kaum mehr wahr. Wir sind deprimiert. Wo sollen wir, hier am Ende der Welt, schnell genug neue Segel herbekommen. Aber noch wollen wir nicht aufgeben. Zurück in Puerto Williams, ruft Robin Freunde in den USA an. Mit deren Hilfe gelingt es, passende gebrauchte (fast neue) Segel aufzutreiben. Mit der tatkräftigen Unterstützung unserer Freunde in Puerto Williams, Kapitän Roberto Villar und Gouverneur Carlos de la Maza, gelingt es, die Segel binnen 10 Tage nach Puerto Williams zu schaffen. Für uns alle ist dies ein klares Zeichen, dass wir unseren Antarktistraum nicht aufgeben sollen. Meine Zweifel sind wie weggeblasen und es stellt sich innere Sicherheit und Ruhe ein, die, so empfinde ich es, auf uns alle übergeht. Jetzt sind wir wirklich startbereit.
![]() Der zweite Start Wider sind wir unterwegs, die Stimmung ist gut. Trotz einiger Tiefdruckzellen, die unser Wetterfax vorhersagt, freuen wir uns auf das Abenteuer Antarktis. Jeder versucht auf seine Weise, sich die Aufregung nicht anmerken zu lassen. Ein frischer Westwind bringt uns gut voran. Während wir, vor dem Sprung über die Drake Passage, in der Caletta Lennox noch einmal in Ruhe durchzuschlafen, hoffe ich, dass sich die Drake Passage von ihrer guten Seite zeigen wird. Der nächste Morgen bringt uns frischen Nordwind und 550NM Ungewissheit. Wir wollen unbedingt auf der Ostseite des Nordwind bringenden Sturmtiefs bleiben und so lassen wir Kap Horn an Steuerbord liegen. Wir wollen es mit Robin auf dem Rückweg besuchen. Mit 30-35Kn Wind, 3-4m Wellen und stark rollend, geht es hinaus in die Drake Passage. Trotz unserer 8-9Kn Fahrt sind wir zu langsam, am zweiten Tag zieht die Tiefdruckzelle über uns hinweg, der Wind drehte auf Süd und bläst uns von nun an direkt auf die Nase. Es beginnt eine wüsste gegenan Bolzerei. Bei bis zu 45Kn Wind und kurzen, sich brechenden, bis zu 6m Wellen, haben wir manchmal das Gefühl, unsere Assy ist ein U-Boot. Am Morgen des 3. Tages überqueren wir die Konvergenzzone. Binnen 20 Minuten fällt die Temperatur um 7-8 Grad. Die Aussentemperatur liegt jetzt unter 0° und zum ersten Mal spüren wir den eiskalten Hauch der Antarktis. Gegen Mittag dieses Tages schlägt eine besonders hohe Welle den Bolzen der Backbordwand des Klipperbugs heraus. Bei einer Wassertemperatur um 0° befestigen wir ihn, vorerst provisorisch, mit einer Schraube. Die Drake Passage ist wirklich nur etwas für Hartgesottene. Hätten wir nicht alles fest verzurrt und unsere Regale mit zusätzlichen Netzen gesichert, hätten wir unter Deck ein heilloses Chaos. Die Gewöhnung an die extremen Bewegungen unserer Assy fällt schwer, hinzu kommt die psychologische Komponente: „Die Gefährlichkeit und Unberechenbarkeit der Drake Passage und die Kälte." Aussen sind wir, trotz Thermounterwäsche, diversen Pullis und Goretex Anzüge mit Thermofutter nach 20 Minuten völlig durchgefroren. Auch innen ist es, da wir die Heizung bei diesem Sturm nicht verwenden können, eisig kalt geworden. An Essen ist nicht zu denken, geschweige denn an Kochen. Zum Glück habe ich für einige Tage vorgekocht, aber niemand hat Appetit. Wir ernähren uns, um überhaupt etwas in den Bauch zu bekommen, von trockenem Brot mit Tee oder Wasser. Ich fühle mich schwach und fahrig. Wenn wir nicht für unsere Wachen im Cockpit sind, keilen wir uns in unseren Kojen fest und versuchen zu schlafen oder zumindest abzuschalten. Immer öfters ertappe ich mich bei dem Gedanken: „Warum tu ich mir das an?" Land in Sicht Noch 160NM bis Deception Island, unserem ersten Anlaufpunkt. Der Wind läst,
während er auf West dreht, nach und schläft dann völlig ein. Das Sturmtief
ist nach Nordosten abgezogen. Wir werden wohl bis Deception Island motoren
müssen, kein nennenswerter Wind in Sicht. Dafür strahlend blauer Himmel, die
Temperatur 6 Grad. Ein schöner warmer Tag für diese Gegend. Jürgens Ruf elektrisiert uns und wir stürmen nach oben. Tatsächlich Land. Durch die unglaublich klare Luft können wir die Gletscher der Isla Shmith mit blossem Auge sehen.
Während wir vorne an Deck unter klarem blauen Himmel über das spiegelglatte Meer sehen, bewegt sich auf einmal etwas im Wasser, die ersten Pinguine. Eins, zwei, nein eine ganze Gruppe springt aus dem Wasser. Sie scheinen uns fröhlich in der Antarktis willkommen zu heissen. Und während die Sonne mit einem grandiosen Sonnenuntergang langsam im Meer versinkt, ergreift uns eine geradezu euphorische Stimmung. Es ist dunkel geworden und während Heinz-Jürgen unsere Dieselheizung wieder zum Laufen bringt, trage ich das Abendessen auf. In bester Stimmung verzehren wir, während es wohlig warm im Schiff wird, Robins Gemüseeintopf. Alle Strapazen und der Stress ist vergessen.
Am
nächsten Morgen zieht uns die Pendulum Cove, (Ankerplatz: 62°55'994
S. 60°36'088 W.) mit ihren heissen Quellen magisch an. Gleich nach
dem der Anker sitzt, geht es mit dem Dingi an Land, um ein heisses Bad zu
nehmen. Barfuss laufen wir am Strand entlang, wobei unsere nackten Fußsohlen
entweder glühend heiss oder Schock gefroren werden. Auch ist es gar nicht so
leicht, einen Platz zu finden, an dem das Wasser eine angenehme Temperatur hat.
In einem Moment werden wir gekocht und im nächsten ist es eisig kalt. Ständig
müssen wir mit den Händen fächeln, um das Kalte mit dem aus dem Boden
strömenden heissen Wasser zu mischen. Erst nachdem wir mit einer Schaufel eine
Art Schwimmingpool gebaut haben, gelingt es, das Wasser auf eine angenehme
Badetemperatur zu mischen. So macht das Baden wirklich Spass.
Immer mit dem Schlimmsten rechnen An Deck stehend, sehe ich, wie die Sonne einen herrlichen Sonnenaufgang an den Himmel zaubert. Noch immer ist es windstill und die Wetterkarte verspricht einen schönen Tag. Wir brechen nach Süden Richtung Trinity Island auf. Und richtig, es bleibt schön, allerdings nicht windstill, ab Mittag haben wir einen kräftigen Südwind. Wieder einmal müssen wir, diesmal gegen 40Kn Wind, an und so wird es spät, bis wir unseren Ankerplatz auf Trinity (GPS Ankerplatz: 63°54'400 S. 60°48'500 W. Es gibt andere, möglicherweise sicherere Ankerplätze auf Trinity) erreichen. Der Ankergrund ist schlecht und erst beim dritten Versuch hält der Anker, auch ist die Ankerbucht sehr offen und erscheint uns bei schlechtem Wetter nicht sehr geschützt. Gott sei Dank hat sich der Wind zwischenzeitlich gelegt und auch in der Nacht bleibt es ruhig. Wieder Windstille am nächsten Morgen. Wir wollen heute die Gerlachstrasse weiter Richtung Süden bis zur Isla Enterprise segeln. Auf dem Weg dorthin begegnen wir Eisbergen, die in der Sonne von weiss über azurblau bis zu smaragdgrün leuchten. Sie scheinen majestätisch an uns vorbei zu ziehen. Die Freude über dieses wunderschöne Naturschauspiel hält leider nur bis Mittag. Binnen kürzester Zeit orkanartiger Südwind. Heute Enterprise Island zu erreichen, wird unmöglich. Auch wird es immer gefährlicher, zwischen den Eisbergen zu segeln. Der Wind treibt sie erstaunlich schnell in kaum kalkulierbare Richtungen und oft verdichten sie sich binnen Minuten, so dass ein Entrinnen mehrmals schwierig wird. Wir entscheiden uns, das nur wenige Meilen entfernte Port Murray anzulaufen. Wir beginnen zu begreifen, dass sich das Wetter hier so schnell ändert, dass die uns zur Verfügung stehenden Wetterfaxkarten eher das Wetter, das hinter uns liegt, zeigen, als eine Vorausschau bieten. Die
unangenehme, kurze und steile See lässt eisige Gischt übers das Deck fliegen.
Während Heinz-Jürgen am Ruder steht und alle Hände voll zu tun hat, um uns
von den Eisbergen freizuhalten, gehe ich mit Robin nach vorn, um unser Gross
ganz zu bergen. Beim Festzurren erhalten wir ständig eisige Duschen. Obwohl nur
–2°, erscheint uns die Temperatur durch den Windfaktor wie –30°.
Ich bekomme das Segel mit Handschuhen nicht richtig fest, also versuche ich es
ohne. Die Kälte schneidet unerträglich in meine Hände. Binnen zwei Minuten
sind sie taub. Zurück im Cockpit tauen sie nur langsam und schmerzend auf. Wir
müssen feststellen, dass Handschuhe der schwache Punkt in unserer sonst sehr
guten Ausrüstung ist.
Port Murray (GPS Ankerplatz: 64°21'270 S. 61°34'364 W.) entschädigt uns für die Qualen. Der Wind hat sich gelegt und unser Ankerplatz ist umgeben von Gletschern. Alles um uns herum ist aus Eis. Die Umgebung wirkt bizarr aber unglaublich schön. An Land empfängt uns ein schläfriges Begrüßungskomitee aus Seelefanten und Robben. Wir begegnen ihnen, wie es sich für Gäste gehört, ruhig und mit gebührender Achtung und so lassen sie sich von uns nicht stören. Ich bin überglücklich, diesen Tieren das erste Mal in freier Wildbahn so nahe zu sein und einen Moment teilhaben zu dürfen an ihrem Leben.
Bevor wir zurück an Bord fahren, setzt Heinz-Jürgen Robin und mich auf einem
treibenden Eisberg aus und macht tolle Fotos. Ein einmaliges Erlebnis.Zurück an
Bord, sitzen wir während eines purpurfarbenen Sonnenuntergangs im Cockpit und
ziehen Bilanz. Die Erkenntnis aus unseren wenigen Tagen in der Antarktis ist:
„Wer hier ohne Schaden bestehen will, muss immer auf alles gefasst sein und
mit dem Schlimmsten rechnen, dann klappt es." Trotzdem oder gerade deswegen
ist die Antarktis atemberaubend. Gletscher, Eisberge, unberührte Natur und die
Kälte bieten eine unvergleichliche Szenerie. Die Antarktis ist Faszination pur
und gleichzeitig eisige und feindliche Ablehnung.
Das Paradies in der Antarktis Bei typischem Antarktiswetter, wenig Wind, tiefen Wolken und einem diffusen Licht, ziehen wir weiter nach Süden. Besuchen Isla Enterprise (GPS Ankerplatz: 64°32'500 S. 62°00'000 W.), wo wir an einem verrosteten Wrack festmachen. Kein besonderer schöner, aber ein bei jedem Wetter sehr sicherer Platz. Knapp 40 NM südwestlich: Paradise Habour. Obwohl er sicher nicht der landläufigen Vorstellung von einem Paradies entspricht, ist Paradise Harbour ein wunderschöner, von Gletschern umgebener, Naturhafen. Auf dem Wasser schwimmen Hunderte von kleinen Eisbergen und Eisschollen, um die wir herumfahren. Im Osten reichen die Gletscher bis in eine Höhe von 2000m. Ein beeindruckender Anblick.
Als wir einlaufen, werden wir von der Chilenischen Station, „Gabriel Gonzales
Videla" über Funk angerufen und zu einem Besuch eingeladen. Da es später
Nachmittag ist und wir noch keinen sicheren Ankerplatz haben, sagen wir für den
nächsten Vormittag zu.
Im südlichsten Teil der Bucht finden wir einen vermeintlich sicheren Ankerplatz. Vorbei an der unbesetzten argentinischen Station „Almirante Brown", fahren wir in die kleine Einbuchtung. (GPS Ankerplatz: 64°54'177 S. 62°51'855 W.) Obwohl wir in Paradise Harbour sind, wird die Nacht alles andere als paradiesisch. Dreimal müssen wir unseren Ankerplatz wechseln, weil sich, trotz einer Sandbarre, riesengroße Eisschollen in die Bucht verirren und an unserer Bordwand schaben. Wie wir später erfahren, eine Ausnahme. In der Regel ist es ein empfehlenswerter Ankerplatz. Nach
dieser aktionsreichen Nacht machen wir uns am nächsten Morgen etwas
unausgeschlafen auf den Weg zur chilenischen Station. An Land treffen wir auf
eine riesige Pinguinkolonie. Diese kleinen Tiere im Frack sind einfach
zauberhaft. Sie haben keine Angst, ja ignorieren uns sogar regelrecht. Manche
sind schläfrig, manche verspielt und wieder andere eilen geschäftig und
gehobenen Hauptes hin und her. Nachdem ich mich zu ihnen gesetzt habe, werden
sie neugierig und kommen dichter heran. Zwar tun sie so, als wären sie nicht
interessiert, bleiben stehen und schauen weg, wenn ich sie anschaue, aber kaum
schaue ich weg, rücken sie unauffällig näher.
Nach diesem tierischen Erlebnis widerfährt uns wieder einmal die Freundlichkeit der Chilenen. In ihrer Station stehen Kaffee und Plätzchen bereitet. Jedem von uns wird ein Zertifikat ausgestellt, das unseren Antarktisbesuch dokumentieren soll. Warum nicht! Es geht weiter nach Süden Am nächsten Morgen dürfen wir Paradise Harbour nicht ohne ein reichhaltiges Frühstück auf der Station verlassen. Danach bahnen wir uns einen Weg zwischen Eisschollen und kleineren Eisbergen in Richtung Lemaire Kanal. Am südlichen Ende des Lemaire Kanals sind die über 1000m hohen Berge soweit zusammengerückt, dass wir den Eindruck haben, die Gletscher hoch über uns könnten jeden Moment auf uns herabstürzen. Ein imposantes Bild und Gott sei Dank nur eine optische Täuschung.
An Land setzen wir uns, bewaffnet mit Fotos und Videokamera, mitten in das
geschäftliche Treiben. Auch hier kommen die Pinguine ohne Scheu und Angst immer
näher, bis wir das Gefühl haben, völlig integriert zu sein. Direkt neben uns
fütterten Mütter ihre Kleinen, spielen die Jungen Fangen und finden
Streitigkeiten statt. Es menschelt halt auch unter Pinguinen.
![]() Schon während wir zu unserem Ankerplatz fuhren, hat eine rote Hütte unsere Neugier geweckt. Als wir sie besuchen, entpuppt sie sich als Nothütte. Wir finden in ihr alles, was zum Überleben in der Antarktis notwendig ist. Von Lebensmitteln über Lesestoff, Brennmaterial sowie Kanistern mit Diesel, finden wir sogar ein Gästebuchbuch vor. Ich übernehme die Aufgabe, uns darin zu verewigen. Vom Eis eingeschlossen
Am Morgen wecken uns scharrende Geräusche an der Bordwand. Wir sind im Eis
eingeschlossen, das der Südwind in unsere Ankerbucht getrieben hat. Für Morgen
ist Nordwind angesagt und so beschliessen wir in der Hoffnung zu warten, dass er
die Ausfahrt freimachen wird. So ist es auch. Am nächsten Morgen ist unser Weg
zu der wenige Meilen entfernten Ukrainischen Forschungsstation Station „Vernadszky
Station" wieder frei. In Stella Creek, (GPS Ankerplatz: 65°14'932
S. 64°15'133 W.), direkt um die Ecke, finden wir eine gegen alle
Windrichtungen geschützte Bucht.
Kaum sitzt unser Anker, kommt uns die Stationscrew besuchen. Da sie heute
ausgetauscht wird, wollen sie von uns noch einen letzten Schiffesstempel in
ihren Antarktispass haben. Sie bringen Schokolade und Wodka mit und binnen
kürzester Zeit haben wir eine kleine Party an Bord. Spät am Abend werden wir über Funk auch noch von der neuen Crew auf die
Station eingeladen. Beate und ich, Robin ist zu müde, erleben, was Ukrainer
unter Gastfreundschaft verstehen. Frische Früchte, Wein, Bier und Wodka werden
uns vorgesetzt. Es ist nicht einfach, zumindest so nüchtern zu bleiben, dass
wir unbeschadet mit unserem Dinge zurück auf unsere Assy kommen. Beängstigende Forschungsergebnisse Das hätte schief gehen können. Während wir zurückfahren, frage ich mich, wie so oft, was wohl aus unserer Welt werden wird, wenn in Kenntnis all dieser Fakten die mächtigste und reichste Nation der Welt, die USA, aus dem auf dem Umweltgipfel in Rio geschlossenen Umweltvertrag aussteigt. (Bitte lesen Sie auch die Seiten unter der Überschrift: „Was uns am Herzen liegt"). Als wir ankommen, liegt die Segelyacht „Croix Saint Paul II" neben uns. Sie empfehlen uns einen Ankerplatz bei Cholet Island. (GPS Ankerplatz: 65°04'097 S. 64°02'042 W. Ist nur über den French Kanal oder von Norden kommend, westlich am Lemaire Kanal vorbei, zu erreichen) Leider ist der Platz wenig geschützt und rollig. Entschädigt werden wir durch Sonnenschein und stahlblauem Himmel. Mit unserem Dingi machen wir einen Ausflug zu einer Gruppe von gestrandeten Eisbergen. Wie eine zu Eis erstarrte Stadt erscheinen uns die zum Teil haushohen Eisberge. Ein ca. 20m hoher Eisfinger hat es uns besonders angetan. Robin lädt Beate und mich dort ab, um Fotos zu machen. Klein kommen wir uns am Fuss dieses Eisfinger vor, an dem auch eine riesige Seerobbe schläfrig in der Sonne liegt. Wir wollen ihre Privatsphäre nicht stören und halten entsprechenden Abstand. Robin
will uns gerade wieder abholen, als uns ein ohrenbetäubendes Krachen
zusammenfahren läst. Einen halben Kilometer entfernt zerbricht ein riesiger
Eisberg in drei Teile. Während wir noch dabei sind, uns zu ärgern, dass unsere
Videokamera nicht schnell genug bereit ist, kracht es auf unserem Eisberg. Blitzschnell sind wir im Dingi und machen, dass wir wegkommen. Erst auf dem Rückweg wird uns klar, wie leichtsinnig uns das schöne Wetter gemacht hat. Wenn der Eisberg auseinandergebrochen und unser Dingi beschädigt hätte, hätten wir bei 0° Wassertemperatur keine Chance gehabt, unsere zwei Meilen entfernte Assy zu erreichen. Auch Hilfe hätten wir nicht herbeirufen können, denn wir haben nicht einmal ein Handfunkgerät dabei. Noch nachträglich läuft uns ein Schauer über den Rücken. Auf unserem Weg
wieder nach Norden besuchen wir Palmerstation, die Station der Amerikaner, in
Arthur Harbour. (GPS Ankerplatz: 64°46'012 S. 64°04'701
W.) Nach einer Führung durch die Station machen Robin und ich einen langen
Spaziergang auf den nahegelegenen Gletscher.
Nachdem wir zurück sind, werden wir zum Dinner
eingeladen. Ich informiere Jürgen, der an Bord einige Kleinigkeiten erledigen
wollte, über Funk. Nach einem hervorragenden Abendessen feiern wir mit der
Belegschaft, reichlich Tequila und Bier den Valentinstag und bleiben bis spät
in die Nacht. Am Morgen haben wir Schnee and Deck und stecken ausserdem im Eis fest. Der
äusserst aktive Gletscher in Arthur Harbour hat uns im Eis eingeschlossen. Nur
mühsam gelingt es uns, einen Weg in freies Wasser zu bahnen. Stunden später
ist es geschafft, wir sind auf dem Weg nach Port Lockroy. Unterwegs begegnet uns
das Antarktiskreuzfahrtschiff „Caledonien Star", das nur eine Woche
später vor Kap Horn in Seenot geraten sollte. Es ist auf dem Weg zur Palmer
Station.
Das traumhaft schöne Wetter überzeugt uns, einen Tag länger zu bleiben und einen Dingiausflug zu machen. Auf unserem Weg in die Nachbarbucht treffen wir auf einen Seeleoparden, der nach Verspeisen eines Pinguins ein Schläfchen auf einer Eisscholle macht. Eine hungrige Möwe frist währenddessen die Reste. In der Nachbarbucht angekommen, finden wir einen Eisberg, der uns an den
Triumphbogen in Paris erinnert. Seine Form spiegelt sich im kristallklaren
Wasser. Ein unvergesslicher Anblick.
Der Orkan Es ist Zeit, an die Rückreise zu denken, auf der wir noch die Melchior Islands besuchen wollen. Die Wetterkarte verspricht eine ruhige Überfahrt über die Drake Passage und so verzichten wir auf einen Stop bei den Melchior Islands und segeln gleich weiter. Unsere Freude über die guten Bedingungen ist allerdings kurz. In der Nacht bildet sich ein übles Sturmtief, bis 80Kn Wind werden gemeldet. Aus Sicherheitsgründen ändern wir unseren Kurs und laufen Deception Island an. Wir erleben dort 1 1/2 super Tage. Noch einmal buddeln Robin und ich uns bei
den heissen Quellen einen Pool, während unser Skipper sich intensiv mit dem
Wetter befasst.Das Sturmtief hat sich abgeflacht und ist nach Norden gezogen. Wir befinden uns am Südrand der sich weiter abschwächenden Tiefdruckzelle. Ideale Bedingungen, um zu starten. Es bläst ein frischer NO, der draussen auf 40-45Kn zulegt. Aber er kommt aus der richtigen Richtung und wir machen gut Fahrt. Wir gehen davon aus, dass er, wie üblich, mit dem nach Osten Ziehen des Tiefs abnehmen und auf Süden drehen wird. Leider folgt dieses Tief nicht der üblichen Regel. Die abendliche Wetterkarte zeigt, dass es sich wieder verstärkt und Fronten nach Süden ausbaut. Wir können nirgends hin, wir müssen durch. Schon in der Nacht dreht der Wind auf SO und frischt auf 55KN auf. Zwei Tage lang geht es rund. Windstärken zwischen 55 und 70Kn mit absolut chaotischen und sich brechenden Wellen aus allen Richtungen. Wir schätzen sie auf 12-15m. Noch nie haben wir die Gewalt des Wassers so unmittelbar erlebt. Manche der Wellen knallen mit einer Wucht gegen unsere Assy und schleudern sie zur Seite, dass wir denken, es schlägt jemand mit einem überdimensionierten Hammer gegen die Bordwand. In diesen beiden Tagen wird unsere hintere Seitenverkleidung zerrissen, unser Cockpitverkleidung aus Stoff zerfetzt, die Manüberbord-Blitzlampe ins Meer gerissen, ein Cooler überbordgeschwemmt und unser Aussenborder vom Dingi abgerissen. Er liegt jetzt 4000m tief auf dem Grund der Drake Passage. In Ushuaia erfuhren wir, dass in diesem Sturm 2 Kreuzfahrtschiffe in (quasi) Seenot geraten sind. Der „Caledonien Star" hat eine 20m Monsterwelle die Kommandobrücke zerschlagen und einen Komplettausfall der Elektronik verursacht. Die Brücke stand 1m unter Wasser. Niemand konnte durch den Wasserdruck herein oder hinaus. Die „Caledonien Star" kam nur mit Mühe zurück nach Ushuaia. Dem Zweiten, es war, wie wir hörten, die „Bremen", hat eine ähnliche Welle ebenfalls Scheiben zerschlagen und einen Motorenausfall verursacht. Auch hier ging die Sache verhältnismässig glimpflich aus. Dieser Sturm, ebenso wie die anderen heftigen Stürme auf der Drake Passage und in der Antarktis haben in mir etwas verändert. Ein bisher unbekanntes Vertrauen in uns und unser Boot ist entstanden. Noch nie habe ich Naturgewalten so extrem gnadenlos und unbändig erlebt, während ich im gleichen Moment spürte, auf unserer Assy sicher zu sein. Sie segelte in allen Stürmen absolut souverän und save. Nicht einen Moment hatte ich den Eindruck, in unmittelbarer Gefahr zu sein. Das Gefühl der Faszination und Freude am Segeln überwog, selbst bei Windstärken von 60 und 70 Knoten. Die restlichen Tage bis Puerto Williams segeln wir bei 15-20Kn O Wind in der Mitte zweier Tiefdruckzellen. Ein eigentlich recht komfortables Segeln, wenn es nicht ständig so ausgesehen hätte, als würden wir noch einen Sturm abbekommen, was uns allerdings erspart bleibt. Als Resümee dieses Expeditionstörns bleibt: Antarktis: Faszination pur. Dieser Kontinent, in dem du jeden Augeblick spürst, dass du nur ein, wenn du Glück hast, von der Natur geduldeter Gast bist, hat uns in seinen Bann geschlagen. Es ist ein kleiner Gedanke entstanden, dort, irgendwann einmal zu überwintern. Jetzt allerdings freuen wir uns erst einmal auf ein ruhigeres Segeln in wärmeren Gewässern. |