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Ankern mit Edelstahlkette ist kein Risiko - wenn's die richtige Kette ist - einige Nachträge bei diversen Rückfragen. |
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von Frank Heutgens, Katamaran ALEGRIA E-Mail: heutgens@aol.com Aus aktuellem Anlass - Bericht von Gerda & Joachim Roederer, SJ ORFOS in TO 129/10 - möchte ich mich hier zu der teilweise verbreiteten Unzufriedenheit mit Edelstahl-Ankerketten zu Wort melden. Man hört es hin und wieder: „Meine Nirokette rostet.“ Oder: „In der Bucht ist eine Jacht gestrandet, weil die Edelstahlkette gebrochen ist.“ Solche Fälle kommen vor, können aber mit etwas Sorgfalt vermieden werden. Ich versuche hier, dieses komplexe Thema vereinfacht und allgemein verständlich zu behandeln. Der wesentliche Punkt ist die richtige Werkstoffauswahl und eine qualitativ hochwertige Herstellung. Edelstahl ist nicht gleich Edelstahl und Schweißnaht ist nicht gleich Schweißnaht. Zunächst einmal möchte ich aufzeigen, was zwar weit verbreitet, aber trotzdem nicht tauglich ist. Fast alle Edelstahlketten auf den Booten sind aus dem Werkstoff 1.4401 (gleichbedeutend mit AISI 316 oder V4A) gefertigt. Einige wenige haben auch den Werkstoff 1.4404. Für Bugkörbe und Klampen ist das absolut o.k., aber nicht für eine Ankerkette! Auf den Werkstoff 1.4301 (V2A) möchte ich gar nicht erst eingehen, da dieser völlig ungeeignet ist, und auch kaum als Kettenmaterial von den Eignern eingesetzt wird. Was den wenigsten Nutzern nicht bekannt ist: 1.4401 / V4A / AISI 316 ist nicht meerwasserbeständig! Das selbe gilt für 1.4404 (AISI 316L). Das kann man schwarz auf weiß nachlesen z.B. auf den Internetseiten von „Deutsche Edelstahlwerke“. http://www.dew-stahl.com/publikationen/werkstoffdatenblaetter/rsh-staehle.html Die Werkstoffe haben einen sogenannten PREN-Wert, einen Lochfraßindex. Dieser ist ein Maß für die Korrosionsbeständigkeit. Alles unter einem PREN-Wert von 33 gilt als nicht meerwasserbeständig. 1.4401 und 1.4404 haben aber einen PREN von nur 23,1 – 28,5 und sind somit als Kette im Meerwasser nicht tauglich. Für kältere Gewässer, wie z.B. Atlantik, Nord- und Ostsee reicht dieser PREN-Index zur Beurteilung der Korrosionsbeständigkeit aus. Segelt man aber in wärmeren Gewässern, wie z.B. Mittelmeer oder Karibik, muss man noch einen Temperaturfaktor berücksichtigen, den CPT-Wert, der Aufschluss über die kritische Lochfraßtemperatur gibt. O.g. Werkstoffe haben einen CPT-Wert von 24 – 27,5 Grad Celsius. Wir haben es aber im Mittelmeer – und auch in anderen Gegenden – durchaus manchmal mit Wassertemperaturen von ca. 30 Grad Celsius zu tun. Beim überschreiten des CPT-Wertes droht trotz eines ausreichenden PREN-Wertes von mindestens 33 die Gefahr der Zersetzung des Werkstoffes. Fazit: Ketten aus 1.4401, AISI 316, V4A, 1.4404, AISI 316L sind für Meerwasser nicht geeignet! Aber was soll der leidgeplagte Skipper denn nun kaufen? Das Maß aller Dinge ist: Eine Kette aus dem Werkstoff 1.4462 (AISI 318LN) Dieser Edelstahl gehört zur Familie der austenitischen ferritischen (DUPLEX) Stählen. Er zeichnet sich durch eine höhere Korrosionsbeständigkeit aus als z. B. der austenitische 1.4404. Der Gebrauch von rostfreien austenitischen ferritischen (DUPLEX) Stählen, insbesondere des 1.4462, erreichte seine Popularität durch die einzigartige Kombination von Korrosionsbeständigkeit, Beständigkeit gegen Spannungsrisskorrosion, hohe Festigkeit und Streckgrenze. 1.4462 hat einen PREN-Wert von bis zu 38,07 und liegt damit im grünen Bereich. Und was sagt der CPT-Wert? Er liegt bei bis zu 34,5 Grad Celsius. Das sollte reichen. Nun haben wir den richtigen Werkstoff, aber wie soll der Skipper an solch eine 1.4462er-Kette kommen? Bei den namhaften deutschen Schiffsausrüstern wird er nur Ketten aus 1.4401 / AISI 316 / V4A finden, also aus nicht meerwasserbeständigem Material. Erschwerend kommt hinzu, dass diese Ketten meistens in China, bestenfalls noch in Italien gefertigt werden. Die Firma SVB geht immerhin so weit, dass sie in ihrem Katalog schreibt, dass sie für wärmere Gewässer über 27 Grad, verzinkte Ketten empfiehlt. Solche Hinweise vermisst man bei allen Anderen. 1.4462 / AISI 318LN bieten sie aber auch nicht als Alternative an. Mir ist bisher nur eine Kettenfabrik bekannt, die Ketten in 1.4462 fertigt. Hier die Firmendaten:
Z.B. die Fa. 1a-Yachttechnik Dipl.-Ing. Karsten http://www.winch-center.de/ Vermutlich kommen diese von Händlern angebotenen Ketten samt und sonders aus der Kettenfabrik Wälder. Die Ketten sollten nach DIN 766 gefertigt sein, damit sie gut über die Kettennuss laufen und ein Prüfzertifikat haben. Beides ist bei Wälder selbstverständlich. Gegen Vorkasse liefert Wälder auch an Endkunden. Die Ketten kosten 20,-- bis 39,-- Euro/Meter incl. MwSt, je nach Ausführung und Materialstärke. Die Preise für Legierungen ändern sich aber permanent, weshalb man anfragen sollte. Klar, 20,-- Euro für eine 8 mm Kette ist viel Geld, aber eine verzinkte liegt auch bei ca. 6,-- Euro und bedenkt man, dass die Edelstahlkette praktisch ein Leben lang hält, dann rechnet sich die höhere Investition allemal. Von dem besseren Handling, der größeren Sicherheit (die Bruchlast dieser Edelstahlkette ist deutlich höher als bei verzinkten mit dem selben Durchmesser), der schöneren Optik und dem nicht vorhandenen Rost mal ganz abgesehen. Auch Kettenstau im Ankerkasten ist praktisch ausgeschlossen und die Kette kommt immer wesentlich sauberer hoch als eine verzinkte. Ich fahre seit vielen Jahren eine 1.4462er-Kette von Wälder im Mittelmeer und bin hoch zufrieden damit. Korrosionserscheinungen gibt es nicht. Einen weiteren Jachteigner kenne ich mit der gleichen Kette, auch von ihm hört man nur Positives. ![]() Gebrochene Schweissnaht Noch ein Wort zur Fertigung der Ketten. Das A und O ist die korrekte Schweißung der Kettenglieder! In einem Test im Magazin „boote“ aus 12/08 hatten die Tester bei vielen Testkandidaten Mängel und Hohlräume in den Schweißnähten nachweisen können. Bei der Kette von Wälder nicht! Außerdem wurde die mit Abstand höchste Bruchlast von allen Kandidaten hervorgehoben. Die 10 mm Kette brach bei 95,2 kN (ca. 9.520 Kg), die 8 mm bei 61,3 kN (ca. 6.130 Kg) und zwar nicht an einer Schweißstelle, sondern im Grundwerkstoff! Warum man als Material für die Wälder-Kette im Test der Zeitschrift „boote“ 1.4401 angibt, weiß ich nicht. Jedenfalls fertigt Wälder aus gutem Grund keine Ketten aus diesem Werkstoff. Markierte gebrochene Schweissnähte
Den Testbericht kann man hier downloaden:http://www.boote-magazin.de Unter „Suche“ gibt man Ketten ein, dann kommt eine Auflistung u.a. mit dem Artikel aus Heft 12/08. Zusammenfassend kann man sagen, dass die verzinkte Kette absolut ihre Daseinsberechtigung hat. Mit der Nachverzinkung von Stahlketten habe ich – zumindest in der Türkei – schlechte Erfahrungen gemacht. Die Glieder klebten aneinander und mussten mit dem Hammer auseinander geschlagen werden. An diesen Stellen war der Zink natürlich wieder ab und die ganze Angelegenheit war für die Katz. Wenn es eine Edelstahlkette sein soll, dann eine gute und nicht eine sogenannte „Qualitätskette aus nichtrostendem Edelstahl“ von irgendeinem Händler. Achtet man darauf, wird man viel Freude an diesem Ausrüstungsteil haben und nicht diesen Ärger und unnütze Kosten, wie Eheleute Roederer es im TO-Heft 129/10 schilderten. Bleibt noch zu erwähnen, dass ich weder verwandt noch verschwägert bin mit jemandem von der Kettenfabrik Wälder und auch keine Provisionen bekomme. Frage: Bleibt die empfohlene Kette auch intakt, wenn man sehr viel und sehr lange ankert wie z.B. bei einer Weltumseglung? Ja. Was den meisten Skippern nicht klar ist, eine Edelstahlkette wird beim ankern keinen Schaden nehmen - wenn's die richtige ist. Vereinfacht dargestellt: Bei jahrelangem ankern wird es bei Materialien mit einem PREN-Wert von über 33 und einem CPT-Wert (Grad Celsius), welcher über der maximalen Wassertemperatur des Fahrtgebietes liegt, keine Probleme geben. Details zu den Werten und welcher Werkstoff diese Kriterien erfüllt, stehen in o.g. Beitrag und sollen hier nicht wiederholt werden. Der Faktor Zeit, also wie lange die Kette am Ankerplatz im Salzwasser liegt, spielt eine untergeordnete Rolle. Also auch für Weltenbummler, die 90% der Zeit ankern, ist eine 1.4462er die richtige Wahl. Frage: Ist die Kette im Ankerkasten gegen Korrosion geschützt? Bedingt. Es ist die Lagerung im Kettenkasten, die JEDER Kette, auch der verzinkten, zusetzt! Warum? Nun, im Kettenkasten verdunstet das Wasser und dadurch erhöht sich die Salzkonzentration. Weiterhin ist die Temperatur im Kettenkasten meistens höher als die Wassertemperatur. Beides ist nicht zuträglich für das Material, also haben wir im Kettenkasten weitaus schlechtere Bedingungen für unsere Kette als beim ankern. Abhilfe schaffen, siehe nächster Punkt. Frage: Muss ich meine Edelstahlkette irgendwie pflegen oder warten? Bedingt. Wenn wir unserem teuren Stück etwas "unter die Arme greifen" wollen, sollten wir Kette so oft wie möglich mit Süsswasser abspülen. Natürlich ist das ein gewisses Problem wenn man auf Langfahrt ist und Süsswasser knapp ist. Es würde jedoch völlig ausreichen, wenn man diese Kettenspülung beim Ankerauf gehen vor der nächsten wirklich langen Etappe macht oder vor längeren Hafenaufenthalten. Wenn man z. B. 70 m Kette beim Einholen mit Süsswasser spült so benötigt man von seinem Wassermacher (auf Langfahrtjachten obligatorisch) ca. 10-20 l Wasser. In Küstennähe hat man oft genug Gelegenheit die Kette hin und wieder mal abzuspülen. Zumindest vor dem Winterlager sollte man das sehr gründlich machen und dabei die Kette genauer in Augenschein nehmen. Ich spüle sie ca. 3-4 mal im Jahr und habe mit der Kette aus dem Werkstoff 1.4462 seit vielen Jahren im warmen Mittelmeer nicht die geringsten Probleme. Frage: Bekomme ich auch einen Anker Kettenverbinder oder Ankerschäkel aus 1.4462? Meines Wissens nicht. Mir ist nur die Fa. WASI bekannt, die Ihren Kettenverbinder namens Powerball in diesem Werkstoff liefert ... leider nur in den Grössen 16 und 20 mm. Die kleineren Grössen sind aus 1.4571 (nicht seewasserbeständig als Kette) gefertigt. Das ist bei dem Verbinder aber nicht so tragisch wie bei der Kette, da er sich immer an der frischen Luft oder im Wasser befindet und nicht im Ankerkasten. Man sollte diesem Teil jedoch stets - auch bei verzinkten Ketten - erhöhte Aufmerksamkeit schenken und ggf. alle paar Jahre auswechseln. Wenn jemand einen Verbinder ausser dem von WASI in 16 und 20 mm aus 1.4462 kennen sollte, bitte ich um kurze Email an Heutgens@aol.com Ich habe den 8 mm Powerball aus 1.4571 seit Jahren und habe keine Korrosionserscheinungen. Wie gesagt, er liegt ja nicht im Ankerkasten. Hierzu ein Tipp: Ich fixiere die grossen und die kleinen Innensechskantschrauben mit Loctite - das ist das Sicherste. Ein mal jährlich mache ich die Schrauben mit einem kleinen Lötbrenner heiss und drehe sie zur Kontrolle raus. Bei den kleinen 4 mm Sicherungsschrauben dreht man dann schnell den Innensechskant rund und dann hat man Probleme. Deshalb habe ich diese Schräubchen durch Außensechskant- Maschinenschrauben ersetzt, die ich wie die Originale unten etwas gerundet habe. Mit einem Ring- oder Maulschlüssel lässt sich solch ein Schräubchen problemlos rausdrehen. Mein Powerball hat seine Bewährungsprobe mehrfach bestanden, einmal bei bis zu 11 Bft. am Anker. Frage: Wie kann ich feststellen, aus welchem Werkstoff meine Edelstahlkette ist? Selbst für Fachleute ist es wirklich nicht einfach das festzustellen. Gute Ketten haben auf den Gliedern eine Kennzeichnung. Manche haben diese Markierung auch nur alle 50 cm oder noch weiter auseinander. Anhand dieser Prägung, welche nicht unbedingt der Werkstoffnummer entspricht, kann man dann beim Lieferanten oder Hersteller nach dem Werkstoff fragen. Bei den meisten Ketten, die im Umlauf sind, sucht man dieses Merkmal allerdings vergeblich. Negativbeispiele: Wie es aussehen kann, wenn man den falschen Edelstahl gewählt hat und einem unwissenden oder betrügerischen "Fachberater" in die Hände gekommen ist, das kann man bei Bobby Schenk nachlesen. Einem Skipper wurde eine Edelstahlkette aus dem Werkstoff 1.4571, was laut Händler V5A entspräche, (1.4571 gehört aber zur Gruppe V4A) als südseetauglich verkauft. Die Fotos im Bericht sagen alles... Sein Edelstahl hatte einen PREN-Wert von 23,1 - 26,75, wenn es überhaupt 1.4571 war. Bitte rufen wir uns ins Gedächtnis: Alles unter einem PREN von 33 ist nicht meerwasserbeständig! Als Kettenverbinder akzeptabel, s.o., aber nicht als Kette. Hier der Link: http://www.yacht.de/schenk/n004/niroken.html Ich schätze Bobby Schenk wirklich, aber seine Anmerkungen zu dem Bericht finden nicht in allen Punkten meine Zustimmung. Sehr wohl aber der Hinweis, mit der Händlerware made in China. Fazit noch mal: Die verzinkte Kette hat absolut ihre Daseinsberechtigung, vor allem dann, wenn das Budget nicht ausreicht für Edelstahl. Das Nachverzinken von Stahlketten ist meistens für die Katz. Das Geld sollte man sich sparen. Im Wasser ist jede Kette, auch die verzinkte, besser aufgehoben als im Ankerkasten, es sei denn sie ist mit Süsswasser gespült. Wenn es eine Edelstahlkette sein soll, dann eine gute und nicht eine sogenannte „Qualitätskette aus nichtrostendem Edelstahl“ von iirgendeinem Händler. Achtet man darauf, wird man viel Freude an diesem Ausrüstungsteil haben. Als Kettenverbinder kann und muss man wohl mangels Verfügbarkeit mit Werkstoffen aus der V4A-Gruppe, wie 1.4401, 14404 oder 1.4571, Vorlieb nehmen. Aber das Teil bitte im Auge behalten! Für mich überwiegen die Vorteile einer guten Edelstahlkette allemal: Wesentlich längere Haltbarkeit, deutlich höhere Arbeits- und Bruchlast, bessere Fliesseigenschaften, also leichter im Kettenkasten zu verstauen, sauberer, kein Rost, praktisch nie mehr Kette austauschen müssen, optisch schöner, Kratzer werden durch das Material eigenständig "geheilt", indem sich die Schutzschicht erneuert usw. usw. Auf lange Sicht ist sie auch nicht teurer als drei verzinkte Ketten, hält aber länger. |