Differenzierte Betrachtung zum Thema Piraterie
von Klaus Hympendahl |
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In den TO-Heften liest man regelmäßig Meldungen zum Thema Piraterie. In der neuesten Ausgabe Nr. 102/03 wird man auf Seite 39 über die regelmäßigen Jahresberichte des in Kuala Lumpur, Malaysia, eingerichteten IMB (International Maritime Bureau) informiert, die für die Berufsschifffahrt Piratenüberfälle registriert. Auf Seite 23 wendet sich das Ehepaar Vera und Norbert Kron mit der Frage an uns TO-Mitglieder "Überfall - Was kann man dagegen tun?" Aber beide Nachrichten zum Thema Piraterie stehen nur ein paar Seiten voneinander getrennt und ähnliche Informationen tauchen regelmäßig bei TO auf. Ich möchte an dieser Stelle mit einem weit verbreitetem Missverständnis aufräumen und ein bisschen mehr Licht in die düstererste Ecke des Blauwassersegelns bringen. In der Presse, bei vielen Offiziellen der Berufsschifffahrt und auch unter Blauwasserseglern werden Piratenüberfälle auf die Berufsschifffahrt und diejenigen auf Yachten oft gleichgestellt. Dem ist aber nicht so. Auf eine Kurzformel gebracht, heißt die Erkenntnis: Piraten, die Berufsschiffe überfallen, sind nicht an Yachten interessiert. Und umgekehrt: Piraten die Yachten überfallen, lassen die Hände von Berufsschiffen. Ausnahmen bestätigen die Regel. Ich habe mich ausführlich mit diesem Phänomen bei der Recherche zu meinem Buch "Yacht Piraterie - die neue Gefahr" beschäftigt und halte es für wichtig, dieses den interessierten Segelfreunden mitzuteilen. Lassen Sie mich ungekürzt einen Abschnitt meines Vorwortes hierzu wiedergeben: Piraten, die es auf Schiffe der Handelsmarine absehen, sind in Banden organisiert. Sie haben Anführer, sind paramilitärisch ausgebildet, wie moderne Soldaten bewaffnet, oft weitflächig organisiert. Sie haben ihre Mittelsmänner in Schiffsagenturen großer Häfen platziert. Oft arbeiten sie mit bestochenen Beamten zusammen. Auf diese Weise erfahren sie genau, auf welchem Schiff in welchem Container "die Rolex-Uhren" geladen sind. Diese Banden haben eine mafiaähnliche Struktur und gehen besonders im asiatischen Raum sehr brutal vor. Ihre Motivation ist Gier. Bei den von mir registrierten Yachtüberfällen fehlen diese Strukturen. Eine Ausnahme bilden die organisierten Clans in Somalia. Piraten, die Yachten überfallen, sind meist Einzelgänger, oft Fischer oder kleine Räuberbanden von der Küstenregion, die sich eher zufällig zusammenfinden, um einen Raub auszuführen. Ihre Motivation sind Not, Armut, Verzweiflung. Die Gebiete, in denen Yachten häufig überfallen werden, unterscheiden sich von den Regionen, in denen Piraten Jagd auf die Großschifffahrt machen. Die gefährlichsten Gebiete für Großschiffe sind die Straße von Malakka, das Südchinesische Meer, einige indische Häfen und Küstengebiete, der Indische Ozean, die Küste Somalias und Ostafrikas, Teile der Westküste Afrikas, Teile Südamerikas. Piratenüberfälle auf Yachten konnte ich verstärkt registrieren in: Somalia (Küstengebiet), Jemen (Golf von Aden, Straße Bab-el-Mandeb), Indonesien, Venezuela, Guatemala, Nicaragua, Honduras, Brasiliens und Kapverden. Bis auf das Küstengebiet von Somalia, Brasilien sowie Indonesien gibt es demnach kaum Überschneidungsregionen zwischen Überfällen auf Berufsschiffe und auf Yachten. Auf Yachten bezogen gibt es drei unterschiedliche Gruppen von Piraten: Da sind zum einen die Clanführer in Somalia, die fest organisierte Banden aufs Meer schicken, um Yachten und Großschiffe (Ausnahme) zu überfallen. Diese Männer sind paramilitärisch ausgebildet, mit automatischen Gewehren bewaffnet. Sie verlangen meist Lösegeld bei den Versicherungen für die Yacht. In den Gebieten des angrenzenden Jemen sowie in Indonesien handelt es sich um Fischer, die traditionell Waffen tragen und immer wieder zu Raubzügen aufs Meer fahren, um sich an Yachten und deren Crews zu bereichern. In beiden Ländern zählt Piraterie seit Jahrtausenden zum traditionellen Broterwerb. Übrigens stammt das erste Handbuch über Reisen von Suez nach Ostafrika (Periplus der Erytreischen See) mit Hinweisen auf Piraten aus dem ersten Jahrhundert vor Chr. Geburt. Anders ist die Situation in den erwähnten Ländern Mittel- und Südamerikas. Hier hat Piraterie keine Tradition unter der Küstenbevölkerung. Natürlich gab es die historisch bekannten Piraten wie Captain Morgan und Captain Kidd, aber die kamen aus Europa. Piraterie der Einheimischen gibt es in diesem Ausmaß erst seit wenigen Jahren. Es hat ein Prozess stattgefunden, der manche Küstenbewohner erst neuerdings zu Piraten werden ließ. Was ist vorgefallen? Lassen Sie mich das an einem persönlichem Beispiel erklären: In den Buchten, in denen ich vor 15 Jahren mit meiner Yacht ‚African Queen' allein geankert hatte, liegen heute gleichzeitig10 bis 30 Yachten: beispielsweise eine Bucht auf einer der Grenadine Inseln in der südlichen Karibik. Ich habe sie mehrfach besucht und konnte so feststellen, wie rapide im Laufe der Zeit die Anzahl der Yachten zugenommen hat. Ich sehe folgendes Bild vor mir: Ein Fischer saß vor 15 Jahren vor seiner Hütte und betrachtete mit Neugierde eine einzige Yacht in seiner Bucht. Skipper und Fischer kamen sich näher, man erzählte seine Geschichten, lud sich gegenseitig ein, der eine schenkte einen Fisch, der andere ein T-Shirt, man aß und trank zusammen, mal an Land, mal an Bord und mit einem Lächeln verabschiedet man sich. Heute sieht für den Fischer die Welt ganz anders aus. Von Jahr zu Jahr sieht er mehr Yachten in seiner Bucht. Diese sind viel größer geworden und haben einen Luxus an Bord, den er sich nicht einmal ausmalen kann. Der Fischer hat auch keinen Kontakt mehr mit den neuen Seglern auf den vielen luxuriösen Yachten. Inzwischen hat er ganz andere Probleme. Seine Bucht ist leer gefischt. Zu Hause wartet eine große Familie, denn viele Kinder zu haben, ist in Mittel- und Südamerika fast ein Statussymbol. Diese Kinder brauchen eine Schulausbildung, aber dafür ist kein Geld da. Geld gibt es für den Fischer kaum zu verdienen; nicht in seiner Bucht, nicht im nächsten Ort, auch nicht in der gesamten Provinz. Naturkatastrophen wie Erdbeben oder Hurrikane (Nicaragua, Honduras), sozialer Notstand durch korrupte Regierungen (Guatemala, Venezuela), Verarmung der Landbevölkerung (Brasilien) oder fehlende Fischvorkommen haben große Not gebracht. Hier hat sich eine Gewaltbereitschaft in der Bevölkerung entwickelt. In einem der gefährlichsten Piratengebiete, dem Rio Dulce in Guatemala, hat nur jeder zehnte Mann Arbeit. Und diese wenigen schuften für ein Taschengeld. Ein Mann wie besagter Fischer ist über seine Aussichten verzweifelt. Wenn zu dieser Verzweiflung noch eine gewisse kriminelle Energie hinzukommt, dann kann aus einem ordentlichen Küstenbewohner ein Pirat werden. Besonders dann, wenn die Gesetzgebung lasch ist oder gar gesetzlose Zustände herrschen wie zum Beispiel im Grenzgebiet zwischen Nicaragua und Honduras. (Es geht um Offshore-Öl. Der Grenzgebietstreit zwischen Nicaragua und Honduras wird im Internationalen Gerichtshof in Den Haag verhandelt. Ein neuer Streit ist u.a. um die Insel St. Andres zwischen Kolumbien und Nicaragua entstanden.) Das soll keine Entschuldigung sein, vielmehr der Versuch einer Erklärung für den Hintergrund des Handelns vieler verarmter Ex-Fischer. Ein von Piraten Überfallener erklärte in seinem Schreiben an mich das soziale Gefälle zwischen armem Fischer und reichen Yachteignern mit der Frage: "Weshalb gibt es in Dänemark keine Piraten?" Hinzu kommt heutzutage ein weiterer Faktor: Drogen. Über einige der mir geschilderten Angriffe berichten die Opfer, dass die Täter während des Überfalls Drogen genommen bzw. offensichtlich unter Drogeneinfluss gestanden hätten. So plädierten z.B. die brasilianischen Verteidiger der Mörder von Sir Peter Blake entschuldigend, dass der Todesschütze vor der Tat Drogen genommen habe. Eine weitere Erklärung über die Zunahme der Piraterie liegt in der großen Zahl der Yachten vor Ort begründet. Mit dem Aufkommen der vereinfachten Navigation durch GPS-Geräte erlebte die internationale Yachtszene einen unvergleichlichen Boom. Aus den reichen Industriestaaten wagten sich Tausende von bestausgestatteten Yachten auf die Weltmeere. Vielleicht heißt ein Teil der Formel: Wenige Yachten: wenige Piraten, viele Yachten: zunehmend mehr Piraten. In der Karibik sind in der Hochsaison zirka 10.000 Yachten mit durchschnittlich zwei bis drei Personen an Bord unterwegs (einschließlich Charteryachten). Das entspricht einer Kleinstadt mit 30.000 Einwohnern. Die Besonderheit dieser Kleinstadt: Es sind wohlhabende Menschen (im Vergleich zur durchschnittlichen Bevölkerung der Karibikstaaten), einige Millionäre, die sich noch nicht einmal, wie an Land üblich, durch Zäune, Mauern, Alarmanlagen und Sicherheitsschlösser schützen können. Es gibt auch keine Polizei, die innerhalb von wenigen Minuten kommt. Diese privilegierten Menschen leben in der Umgebung von meist armen Einheimischen. Das heißt, dass quasi 30.000 gutsituierte bis reiche Menschen völlig ungeschützt in diesem weiten Raum der Karibik leben. Verglichen mit der Kriminalstatistik einer mittleren Kleinstadt sind die hier registrierten Yachtüberfälle gering! Anders als vor Jahren sind die Wege der Kommunikation heute sehr kurz. Jeder kleinste Vorfall wird über Funk und Telefon schnell bekannt und öffentlich. Und anders als früher erfährt die Welt von fast jedem Überfall. Die gute Nachricht: Ich habe nie davon gehört, dass irgendwo auf den weiten Meeren eine Yacht von Piraten gekapert wurde. Nicht im Pazifik, nicht im Nord- und Südatlantik, nicht im Indischen Ozean, schon gar nicht in Europa. Meist geschah der Angriff an Ankerplätzen, selten in Küstennähe. Die Ausnahme bilden überfallene Yachten vor der Küste Jemens, Somalias (das Handbuch für Somalia sagt, man soll sich 100 sm von der Küste fernhalten) und neuerdings in indonesischen Gewässern. Das Fazit: An bestimmten Küsten müssen wir Segler uns restriktiv verhalten, an anderen nicht. Aber das Meer gehört uns! Klaus Hympendahl |