Es gibt diesen Moment am Steg, kurz bevor die Leinen loskommen. Alles ist vorbereitet, das Boot klar, der Kopf voll. Monate, manchmal Jahre der Planung liegen hinter einem – und doch fühlt sich dieser Augenblick an wie ein Sprung ins Unbekannte.
Genau davon erzählen Losseglerinnen und Lossegler des Jahres 2025: Eva Schiemann und Kim Mikkelsen mit ihrer SY Mana, Linda und Benjamin Ortleb mit der SY Aya, Sarah Britten mit Hund Willi Wuff auf der SY Briwer – und Dr. Guido Marx und Isabel Marx, die mit ihrer SY Playmobil Richtung Süden gestartet sind. Ihre Stimmen sind unterschiedlich, aber sie kreisen um denselben Kern: das Leinen loswerfen. Und darum, was passiert, wenn ein Traum nicht mehr Planung ist, sondern Alltag.
Euphorie und Abschied
Als Eva Schiemann und Kim Mikkelsen Anfang Mai mit ihrer SY Mana in Lemmer ablegen, ist der Hafen voller Menschen. Familie, Freunde, Abschied und Aufbruch liegen dicht beieinander. „Wir wurden mit viel Jubel und Tröten auf See geschickt“, erzählen sie. Freude, Abschiedsschmerz – und das ungläubige Gefühl, dass es jetzt wirklich losgeht. Fünf Jahre zuvor war die Idee entstanden. Aus einer Vorstellung wurde ein Projekt, aus dem Projekt ein Boot, ein Refit, eine Route. Gab es Zweifel? Kaum. „Wir wollten das einfach machen“, betonen Eva und Kim. Die ersten Tage und Wochen fühlten sich besonders an. „Und jetzt, ungefähr zur Halbzeit, denke ich manchmal fast wehmütig daran zurück. Wie Hermann Hesse schrieb: Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne“, sagen die beiden, die mittlerweile in Mindelo auf den Kap Verden angekommen sind.
Auch Linda und Benjamin Ortleb auf der SY Aya kennen dieses Gefühl – allerdings unter anderen Vorzeichen. Ihr Start verzögert sich, Reparaturen an der Elektrik kosten Zeit, der Druck wächst. Als sie schließlich anderthalb Monate später als geplant in See stechen, ist Juni. Von Fehmarn geht es über Nord-Ostsee-Kanal und Cuxhaven auf die Nordsee. Die Aufregung an Bord der SY Aya ist groß: Aufbruch, erstes Mal Gezeitengewässer. Doch schnell legt diese sich wieder. Linda und Benjamin wählen bewusst ruhige Wetterfenster. „Unsere Devise ist, stets gründlich das Wetter, die Gezeiten und die Route zu checken und nur dann losfahren, wenn alles passt. Das hat sich bewährt.“ Im Englischen Kanal begleiten sie Buddyboote. Das schafft zusätzlich ein sicheres Gefühl.

Eva Schiemann und Kim Mikkelsen sind mit ihrer SY Mana im Mai von Lemmer/NL Richtung Karibik losgesegelt.
Sarah Britten erfüllt sich 2025 einen Kindheitstraum – eine Ostseerunde allein und mit Hund. Am 25. April verlässt sie mit ihrer SY Briwer die Niederlande. „Ich bin mit einem riesengroßen Glücksgefühl aufgebrochen“, erinnert sie sich. Und doch begleiten sie Zweifel: Schaffe ich das allein? Bin ich gut genug vorbereitet? Was, wenn etwas passiert – mir, dem Schiff oder Willi Wuff? Doch die intensive Vorbereitungsphase zahlt sich aus. Nach dem Start zeigt sich: Alles ist bereit. Das gibt ihr viel Sicherheit und Vertrauen in ihr Vorhaben.
Und dann ist da Guido Marx, der das Lossegeln in einen Satz fasst, der hängen bleibt: „Leinen los.“ Er nennt ihn seinen persönlichen Zauberspruch gegen das Gedankenkarussell vor dem Start. Denn Ängste und Bedenken gibt es immer – Seekrankheit, Nachtfahrten, Gewitter, Nebel, Orcas, Heimweh oder die Herausforderungen an eine Partnerschaft auf See. Gemeinsam mit seiner Frau Isabel ist Guido im Juni gestartet. Ihr Weg führt von den Niederlanden entlang der Nordsee, durch den Ärmelkanal und weiter nach Süden – erste große Etappen, die zeigen, was Lossegeln wirklich bedeutet. Tiden, Verkehr, Wetterfenster, lange Tage und kurze Nächte. „Doch sobald die Leinen los sind, rücken viele der Gedanken vor dem Lossegeln in den Hintergrund“, weiß Guido. „Dann zählt nur noch das, was direkt vor dem Bug liegt.“
Herausforderungen
Was alle eint: Die Erkenntnis, dass Lossegeln kein Dauerurlaub ist. „Von außen denken viele, wir würden Urlaub machen“, sagen Eva und Kim. „Aber eine Reise wie diese ist kein Urlaub.“ Das Schiff fordert ständig Aufmerksamkeit. Einkaufen, Wäschewaschen, Reparaturen – alles dauert länger. Das ständige Weiterziehen, das Immer-neu-Ankommen, wird schnell anstrengend bei zu enger Taktung. Ihr Rat: „Tempo rausnehmen, Ziele streichen, langsamer werden.“ Linda und Ben lernen gleich am Anfang ihrer Reise, wie wichtig es ist, auf sich selbst zu hören. Gesundheit, Wetter, Gezeiten – alles muss zusammenpassen. Als sie trotz Kopfschmerzen lossegeln, folgt extreme Seekrankheit. Seitdem wissen sie: „Man sollte den Törn lieber verschieben, wenn es jemandem nicht gut geht.“
Sarah beschreibt die größte Herausforderung als mental. Trotz intensiver Vorbereitung überrascht sie die Einsamkeit in Schweden. Vorsaison, leere Häfen. Erst ungewohnt – dann wertvoll. „Nach einigen Tagen der Gewöhnung konnte ich das dann aber sehr genießen.“ Und Guido bringt das Grundgefühl einer Langfahrt nüchtern auf den Punkt: Segeln bedeutet, mit dem Unvorhergesehenen klarzukommen. Orcas, Nebel, Fischernetze, Wind und Tide, Reparaturen – Dinge, die man nicht „wegplanen“ kann. „Was hilft, ist nicht Perfektion, sondern Achtsamkeit an Bord – und die Fähigkeit, sich immer wieder neu einzustellen“, sagt er.

Linda und Benjamin Ortleb starteten mit ihrer SY Aya in der Ostsee. Mit an Bord ist auch Hund Frodo. Er ist auch der Grund für ihre Entscheidung gewesen, die Biskaya auszusegeln.
Momente, die bleiben
Auf der Langfahrt sind es dann oft nicht die großen Etappen, sondern die verdichteten Augenblicke, die sich einprägen. Die ersten Delfine. Die erste Nachtfahrt. Fünf Tage auf See – und dann endlich ein Ziel in Sicht, das vorher nur in den Planungen daheim vorkam. Von den Bildern, die sich auf Langfahrt einbrennen, erzählt Guido: Landmarken und Kaps, an denen eine Reise plötzlich „real“ wird. Kugelbake. Kap Finisterre. Und A Coruña – nach der Biskaya, wenn der Torre de Hércules in der Einfahrt auftaucht. „Solche Momente vergisst man nie“, meint er. Und auch die Situationen, in denen man besonders gefordert ist: Nebel, Starkwind, Radarfahrt in einen Hafen, dessen Molenköpfe man nicht sieht. Gespenstisch – und genau deshalb unvergesslich.
Sarah erinnert sich an einen Tag zwischen Chaos und Glück. Rauhe See, ein Schrank geht auf, Scherben überall, der Hund allein unter Deck. Beidrehen, aufräumen, durchatmen. Kurz darauf ein Schweinswal im Kielwasser, der sie einige Zeit begleitet. „Ein Moment großen Glücks – und die Erinnerung daran, dass wir da draußen nie ganz allein sind“, sagt sie.
Zweifel gehören dazu
Fast alle sprechen sie an, die Fragen: Was mache ich hier eigentlich? Warum sitze ich nicht gemütlich zu Hause? „Diese Gedanken kommen – aber genauso scheint nach jedem Sturm wieder die Sonne“, weiß Guido aus Erfahrung. „Oft hilft schon der Blick nach links und rechts. Und das Wissen, dass es auf den anderen Booten dieselben Fragen gibt.“ Austausch, gemeinsam Wetterfenster besprechen, Strategien teilen. Das gibt Sicherheit – auch wenn jede Crew am Ende für sich selbst verantwortlich bleibt.
Sarah Britten zog es mit Bordhund Will Wuff Richtung Norden. Sie startete im April mit ihrer SY Briwer in den Niederlanden.
Von Langfahrer zu Lossegler
Wenn es einen Rat gibt, den alle vier Crews geben würden, dann diesen: „Bleibt bei eurem eigenen Tempo.“ „Nehmt euch nicht zu viel vor“, sagen Eva und Kim. „Es stresst und erschöpft nur, wenn man anderen hinterherhetzt.“ Und Linda und Ben ergänzen: „Gesundheit ernst nehmen. Wetter, Wellen und Gezeiten gründlich checken. Und sich Zeit lassen.“ Was alle auch bestätigen: Vorbereitung ist alles. Systematisch denken. Schwachstellen erkennen – am Schiff, an sich selbst, an der Crew – egal, ob Zwei- oder Vierbeiner.
„Ein Boot ist nie zu 100 Prozent fertig“, bringt es Guido jedoch auf den Punkt. „Wichtig ist, sich einen festen Termin zu setzen – und loszufahren.“ Lernen und auch reparieren gehören zu einer Langfahrt einfach dazu. Genauso wie die Erkenntnis, dass Routen nicht in Stein gemeißelt sind. Wetter, Gesundheit oder auch unerwartete Schäden können dazu führen, dass Pläne sich ändern können und manchmal sogar müssen. So ließ Sarah ihr ursprüngliches Ziel Törehamn im hohen Norden los, um ihrem Hund Nachtfahrten zu ersparen und erlebte dafür die Ålands intensiver. Sie sieht die Planänderung positiv: „Bleibt noch ein Ziel für eine spätere Reise.“
Unterwegs im TO
Fast beiläufig, aber immer wieder, fällt ein Wort: Gemeinschaft. Buddyboote. Abende im Cockpit. Gespräche über Zweifel und Strategien. Und das Gefühl, Teil von etwas Größerem zu sein. Eva und Kim erleben den Trans-Ocean als Netzwerk, lange bevor sie ablegen: Micro-Seminare, Austausch, WhatsApp-Gruppen. Unterwegs treffen sie immer wieder Boote mit TO-Flagge. „Und schon kommt man ins Gespräch“, sagen die Zwei. Das Gemeinschaftsgefühl und die Hilfsbereitschaft im Trans-Ocean empfindet auch Sarah als besonders. In den WhatsApp-Gruppen bekam sie während der Vorbereitung und unterwegs schnell Hilfe. Aber auch vor Ort ist der Verein nie fern: „Der TO-Stander am Schiff als gemeinsames Erkennungsmerkmal erleichtert die Vernetzung untereinander.“ Für Linda und Ben auch ein klarer Pluspunkt: „Schon beim Losseglertreffen konnten wir bereits erste Kontakte mit anderen knüpfen, bevor es überhaupt losging.“
Und Guido ergänzt die Perspektive von unterwegs: Auf ihrer Sommerreise Richtung Süden entstand aus vielen Begegnungen mit anderen TO-Losseglern die private WhatsApp-Gruppe – „TO-Kurs Süd“. Eine kleine TO-Flottille aus sehr unterschiedlichen Yachten, die das gemeinsame Segeln und die Idee einer Gruppe genossen haben. „Ich glaube, dass allen der Austausch in unserer Gruppe sehr geholfen hat – und auch ich habe mich in unserer kleinen Gemeinschaft sicherer gefühlt“, erklärt er. Für ihn sei dieser Törn der Start in ein neues Leben an Bord gewesen. Und dass seine Frau diese Zeit ebenfalls genießen konnte, habe auch daran gelegen, „dass unterwegs viele neue Freundschaften entstanden sind.“

Dr. Guido Marx und seine Frau Isabel (Foto re. Mitte) sind mit ihrer SY Playmobil im Juni gestartet. Auf ihrer Reise haben sie viele Freundschaften mit anderen Losseglern geschlossen. So auch mit Julia (Foto re. links) von der SY Junia.
Geteilte Wege
Was all diese Erfahrungen verbindet, ist nicht nur das Unterwegssein selbst – sondern das Wissen, mit diesen Gedanken, Zweifeln und Fragen nicht allein zu sein. Viele dieser Begegnungen beginnen oft lange vor dem Ablegen: beim Zuhören, beim Fragenstellen, beim Teilen von Erfahrungen. Und sie setzen sich unterwegs fort – im Cockpit, vor Anker, in Nachrichten, die nachts geschickt werden, wenn jemand unsicher ist, ob das Wetterfenster wirklich passt.
„Gemeinschaft wächst aus dem ehrlichen Austausch darüber, wie sich unterwegs sein wirklich anfühlt“, sagt Guido. Denn Segeln heißt auch, mit dem Unvorhergesehenen klarzukommen. Genau dann hilft es, sich auszutauschen, Erfahrungen weiterzugeben – und gleichzeitig von anderen zu lernen. Nicht als „Sicherheitsnetz“, sondern als das, was Langfahrt oft ist: eine Gemeinschaft aus Menschen, die wissen, wie sich diese Fragen anfühlen.
Doch all dem geht ein Moment voraus:
Leinen los.
Lossegeln ist kein klarer Schnitt. Es ist ein Prozess. Ein Sich-wagen. Und vielleicht beginnt es genau dort: am Steg. Mit einer Leine in der Hand – und dem Mut, sie loszulassen.
Jules Tolomello
Viele der hier zitierten Crews haben 2025 am Losseglertreffen teilgenommen – und beschreiben genau diesen Effekt: Kontakte knüpfen, Erfahrungen teilen, sich gegenseitig ein Stück Sicherheit geben. Wer 2026 lossegeln will oder noch mitten in der Planung steckt, findet dort praktische Tipps, offene Gespräche und Menschen, die genau wissen, wie es sich anfühlt, kurz vor dem Ablegen zu stehen.
Das 12. Losseglertreffen findet am Samstag, 21. März 2026 in Kiel statt (10:00–18:00 Uhr, Ort: SVK Kiel, Kiellinie 215, 24106 Kiel). Anmeldung per E-Mail an seminar2026@trans-ocean.org.
Darüber hinaus lädt der Trans-Ocean während der boot Düsseldorf 2026 täglich zum Austausch ein: Losseglerinnen und Lossegler treffen sich jeden Tag um 16:00 Uhr am TO-Stand in Halle 15 – offen für alle, die Fragen haben, Erfahrungen teilen oder einfach ins Gespräch kommen möchten. Ein weiterer Höhepunkt dort: Der TO-Vortrag „Lossegler – wenn ein Traum Wirklichkeit wird“ mit Johannes Frost und Dr. Guido Marx findet am Freitag, 23. Januar, um 11:00 Uhr auf der Sailing Center Bühne (Halle 15) statt.