Die Yacht Raven läuft auf Kurs Richtung Antigua. An Bord: TO-Mitglied Dietmar Henke als Teil einer 5-köpfigen Crew. Sie überführen die Segelyacht in die Karibik. Es ist Nacht auf dem Atlantik. Eingespielte Wachen, dunkles Wasser, darüber ein klarer Sternenhimmel. Die Reise verläuft ruhig – bis gegen 2:30 Uhr morgens eine Meldung die Routine an Bord unterbricht.
Über Satellitenkommunikation meldet sich das JRCC Mindelo (Cabo Verde): Eine englische Solo-Atlantikruderin treibt seit einiger Zeit manövrierunfähig auf See. Die gemeldete Position liegt rund 70 Seemeilen westlich der Yacht.
„Innerhalb von 30 Minuten hatten wir alle nötigen Informationen vom JRCC vorliegen“, sagt Dietmar Henke. „Danach war klar: Wir ändern den Kurs und fahren los.“
Die Raven dreht um und nimmt Fahrt auf – entgegen der ursprünglichen Route. Für die Crew ist das kein außergewöhnlicher Entschluss. Hilfe auf See gehört für sie zur Verantwortung, die man übernimmt, wenn man draußen unterwegs ist. „Für uns war es selbstverständlich zu helfen“, so Henke. „Wir sind selbst lange genug auf den Weltmeeren unterwegs und wissen, wie sehr man sich in so einer Situation über Unterstützung freut.“
Am nächsten Morgen gegen 10:00 Uhr erreicht die Yacht das Ruderboot. An Bord: die 47-jährige englische Extremsportlerin Rebecca Ferry. Sie ist erschöpft, aber sichtlich erleichtert, als die Raven längsseits kommt. Die Übernahme verläuft ruhig und kontrolliert. Schleppleinen und Fender sind vorbereitet, die Crew handelt routiniert.
„Die Rettung selbst war unspektakulär“, beschreibt Henke. „Wir waren gut vorbereitet.“ Bei moderaten Bedingungen mit 10 bis 15 Knoten Wind und einer Wellenhöhe von etwa 1 bis 1,5 Metern nimmt die Raven das Ruderboot in Schlepp. Rund 200 Seemeilen liegen vor ihnen, unter Maschine geht es Richtung Mindelo auf São Vicente. Etwa 30 Stunden später erreichen sie sicher die Marina.
Besonders in Erinnerung bleibt der Crew die große Dankbarkeit der Geretteten. „Die überschwängliche Freude von Rebecca war beeindruckend – und das gute Gefühl, eine richtige Entscheidung getroffen zu haben“, sagt Henke. Eine fast symbolische Parallele kommt hinzu: Auch das Ruderboot trägt den Namen Raven: Die große Raven hat der kleinen Raven geholfen.

Nach Eingang der Distress-Meldung ändert die Yacht Raven den Kurs und nimmt die Solo-Ruderin Rebecca Ferry sicher an Bord. Fotos: Dietmar Henke
Für Dietmar Henke ist der Vorfall ein Beispiel für gelebten Zusammenhalt auf See. „Wir gehen davon aus, dass uns genauso geholfen würde, wenn wir in Seenot geraten“, sagt er. In diesem Fall passte alles: moderate Bedingungen und eine gut eingespielte Crew. Die Rettungsaktion zeige zudem, wie entscheidend verlässliche Sicherheits- und Kommunikationssysteme seien. „Ohne AIS, Tracker und Satellitenkommunikation wäre die Koordination kaum möglich gewesen“, betont Henke. „Keine Kommunikation – keine Rettung.“
Ein Kurswechsel im Atlantik, ausgelöst durch eine nächtliche Meldung, gefolgt von einem Rettungsmanöver – es ist kein außergewöhnlicher Vorfall, sondern ein gutes Beispiel für Verantwortung auf See. Ein Kurswechsel, eine klare Entscheidung und eine Crew, die hilft, weil Hilfe unter Seefahrern selbstverständlich ist. Diese Haltung, wie sie auch in der Trans-Ocean-Gemeinschaft gelebt wird, prägt den Alltag auf See. Denn am Ende steht immer eine sichere Ankunft und das Wissen, im richtigen Moment richtig gehandelt zu haben.
Jules Tolomello