Für Regattasegler der Mini-650-Klasse ist sie einer der wichtigsten Meilensteine auf dem Weg zu den großen Offshore-Regatten: die 1.000-Seemeilen-Qualifikation. Im Rahmen dieser anspruchsvollen Solofahrt müssen die Seglerinnen und Segler nachweisen, dass sie ihr Boot auch über einen langen Zeitraum allein und sicher beherrschen – unabhängig von Wetter, Müdigkeit oder technischen Herausforderungen. Für die vom Trans-Ocean geförderte Nachwuchsseglerin Carla Hénon-Steck bedeutete diese Qualifikation zehn intensive Tage auf See, die sie so schnell nicht vergessen wird.
Gestartet ist Carla im französischen Douarnenez mit Kurs auf Irland. Bereits nach weniger als 24 Stunden passierte sie die Scilly-Inseln in der Keltischen See und erreichte kurze Zeit später die irische Küste. Trotz kräftiger Winde verlief der erste Abschnitt überraschend entspannt. Auch im Ärmelkanal und in den Verkehrstrennungsgebieten hielt sich der Schiffsverkehr in Grenzen. Kurz vor ihrem Wendepunkt Conningbeg begegnete sie sogar einer anderen Regatta-Seglerin: Emma kam ihr auf ihrem Mini entgegen.
„Es war total schön zu wissen, dass ich nicht alleine bin und kurz mit ihr reden zu können“, erzählt Carla rückblickend.
Der Rückweg nach Frankreich stellte deutlich höhere Anforderungen. Zwar blies der Wind weiterhin meist mit 30 bis 35 Knoten, doch nun musste Carla überwiegend am Wind segeln. Das verlangsamte ihre Fahrt erheblich. Gleichzeitig kämpfte sie mit einer Erkältung, die die langen Tage an Bord erschwerte. Zwischen zahlreichen Reffmanövern und dem Ausweichen vor Fischern blieb dennoch erstaunlich viel Zeit, in der sie mit ihrem Boot allein unterwegs war.
Ab dem Raz de Sein änderten sich die Bedingungen erneut. Der Wind schlief nahezu vollständig ein, sodass Carla oft nur langsam vorankam. Immerhin zeigte sich nun die Sonne, die Temperaturen stiegen deutlich gegenüber den nebligen 16 Grad vor Irland, und ihre Batterien konnten endlich wieder ausreichend laden. Auf dem langen Weg zu den nächsten Wendepunkten am Plateau de Rochebonne und an der Île de Ré sorgten Delfinbegegnungen und Telefonate mit ihrer Familie für besondere Momente.
Auch technische Probleme blieben nicht aus. Unterwegs löste sich eine Mutter vom Autopiloten, wodurch dieser vorübergehend versagte. Glücklicherweise fand Carla die Ursache schnell und konnte den Defekt selbst beheben. Allerdings musste sie die gelockerte Mutter anschließend etwa alle 24 Stunden erneut befestigen.

Carla genießt die schönen Sonnenauf- und -untergänge über dem endlosen Horizont und freut sich über Delfinbesuch.
Die letzten Tage entwickelten sich zu einer Geduldsprobe. Immer wieder fehlte der Wind oder die Strömung arbeitete gegen sie. Teilweise wurde ihr Boot sogar rückwärts versetzt. Dennoch entschädigten spektakuläre Sonnenauf- und -untergänge für den langsamen Fortschritt.
Die größte Herausforderung wartete schließlich am Raz de Sein. Wegen der Flaute wollte Carla die Meerespassage zwischen der Île de Sein und dem Pointe du Raz eigentlich vermeiden, um nicht vollständig von der Strömung abhängig zu sein. Doch diese trieb sie ohnehin in Richtung der Engstelle. Kurz vor der sicheren Durchfahrt setzte eine ungünstige Strömung ein und drückte das Boot immer näher auf die Felsen zu. Da der Wind nahezu eingeschlafen war, konnte sie nicht mehr ausreichend gegenhalten.
Bevor es zu einer Kollision kam, funkte Carla das einzige Schiff in der Nähe an und bat um Hilfe. Das Schiff blieb in Carlas Nähe, bis sie wieder sicher war. Von den bedrohlichen Felsen hatte sie es jedoch allein weggeschafft.
„Mir war es lieber, dass meine Qualifikation durch die Hilfe nicht anerkannt wird, als dass ich ein kaputtes Boot habe“, sagt sie rückblickend.
Anschließend lagen zwar nur noch rund zwölf Seemeilen bis Douarnenez vor ihr – doch erneut herrschte Flaute. So verbrachte Carla den gesamten Tag damit, die letzten Meilen zu segeln.
Nach genau zehn Tagen und 1.000 Seemeilen erreichte sie schließlich am Abend ihr Ziel in Douarnenez. Dort wurde sie bereits von ihren Großeltern sowie einem befreundeten Mini-Segler empfangen.
Eine Qualifikationsfahrt wie diese ist weit mehr als das reine Sammeln von Seemeilen. Sie fordert Durchhaltevermögen, Eigenverantwortung, technisches Verständnis und die Fähigkeit, auch in schwierigen Situationen die richtigen Entscheidungen zu treffen. Genau diese Erfahrungen wird Carla nun mit auf ihren weiteren Weg in der Mini-650-Klasse nehmen.
Wir wünschen Carla viel Erfolg und stets eine Handbreit Wasser unterm Kiel für ihre kommenden Regatten.
Laura Pape