Reisebericht

Einmal Atlantik ohne Zurück



Einmal Atlantik ohne Zurück

Verfasst von Webhost am 29. Dezember 2015
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Nach drei Wochen auf dem Atlantik ohne Land oder andere Boote ist endlich Land in Sicht. Was als ambitionierte Barfußroute beginnen sollte, entpuppte sich als Survivaltraining. Schon die ersten Stürme bei den Kanaren zeigten, dass diese alte Baltic ausschließlich für Hochseeregatten getrimmt und gebaut wurde. Doppelte Cockpits mit eigener Schotung ohne Komfort, keine Sprayhood, kein Hinlegen, kein Sonnenschutz und jede Leine des laufenden und stehenden Gutes hat eine eigene Winsch mit ihrer jeweils eigenen Trimmungeinrichtung - und davon die Hälfte am Mast!

Ein Mekka für Racer, aber nicht nicht für Relaxer - so wurden früher als Rennen gesegelt. Das Schiff fühlt sich an, wie ein alter Audi Quattro, der für die Offroadmeisterschaften antritt. Aber die Crew hat die Barfußroute gebucht. Naja, dafür wird man mit einer unbekannten Segelperformance belohnt, die es selbst bei Sturm erlaubt, aktiv zu segeln. Bei richtig Seegang, wochenlang ohne Pause, mit einem Hochrigg und Backstagen, was für ein aufwendiges Schiff. Die Crew weiß noch gar nicht, dass hier jedes Vorsegel bei wechselnden Windkursen von Hand gewechselt werden muss, denn jedes der sieben Segel an Bord ist für eine kleine Range Windstärke geschnitten worden. Wegrollen is nicht, denn die Segel halten wochenlanges Killen und schlechtes Segelprofil nicht aus. Am Ende ist die Crew auf jeden Fall eine ausgebildete Regattacrew.

die 3 Wochen mal kurz zusammengefasst: (bitte weiterblättern)


Vielen Dank für diesen schönen Bericht an Segelschule Große Freiheit

Erste Woche

Die erste Woche haben wir kräftigen 8-9 bft Raumwind, die Hälfte der Crew ist wegen Seekrankheit ausgefallen. Der plotter spinnt, der Autopilot schafft die Welle nicht und ist durchgebrannt. Ab jetzt haben wir tagsüber 4 Stunden und nachts 3 Stunden Wachen: einmal Segelwache und einmal Ruderwache, wir sind zu fünft an Bord... wochenlang, egal was kommt.
10kn sog mit 2/3 Großsegel und 1/2 Genua, Segelwechsel von Genua 3 auf Fock 1...180 sm etmal. 900 sm hinter uns und 2000 sm vor uns.

Wir durchsurfen die welle, auf der wir reiten und 500 Liter Seewasser kommen von vorn übers Schiff bis nach hinten...die Crew spricht es aus: "oh Gott, das ist ja Survival hier!"

zweite Woche

In der zweiten Woche haben sich Crew und Skipper eingewöhnt - Auf zu neuen Herausforderungen! Denn das schiff nimmt mehr und mehr Features, die seit den Neunzigern eingebaut wurden, aus dem Verkehr: Seatalk-Router, UKW, KW und AIS, dann folgen GPS und Navtex, zum Schluss die komplette Elektronik nebst Licht und Kühlschrank, Wasserpumpen und Elektropumptoiletten; ein kaputtes Trennrelais hat beide Batteriebänke nach etwas zuviel See im Schiff von einer brechenden Welle im Heck zusammengelegt und eine Schnellentladung vorgenommen.

Die Maschine war nicht mehr startbar, die Akkus nicht mehr aufladbar, Houston, wir haben... naja, reparieren und umbauen konnten wir also nur Mechanisches: der Toilettenumbau war elementar, Brauchwasser aus dem tank mit improvisierter Handpumpe geholt, kein Duschen mehr. Alles Verderbliche wurde ein- oder durchgekocht, das Trinkwasser rationiert. Wenigstens hatte ich iPad, iPhone und Iridium vorher durchgeladen und ein Notsolarpanel mit Powerpack von Anker dabei und Navionics für den Notfall, solange die Akkus halten, denn das Windrad leistet zu wenig Ladebeitrag.

Wir sind ab jetzt elektronisch blind, die Taschenlampen an Bord beleuchten den Kompass und sonst nichts; die Stirnlampen bewähren sich und ein Cassens-&-Plath-Sextant mit Jahrbuch und Funkchronometer ist an Bord - endlich Astronomie als Notwendigkeit: Mittagsbreite, Nordsternbreite, LHA und GRT. Wir werden täglich genauer. Mein Bücher-Übergepäck mit der "Seemannschaft", "Opti-Regatten gewinnen" und "Memories of Capt. Bligh" war ein großer Wurf.

Alle vier Tage alle 15 Grad gen Westen eine Stunde zurückstellen. Mittlerweile sind wir im Nordäquatorialstrom und damit auch in der Wal-Route angekommen und ins in einem riesigen Seegrassfeld festgefahren, wie in dem Film "Life of Pi - Schiffbruch mit Tiger" nur ohne possierliche Bewohner. Viele Wale um uns herum, einige sind unsere Begleiter für Tage - wir sind doch nicht allein.

Wir brauchen nicht angeln: fliegende Fische sind über nacht direkt im Cockpit gelandet, wir haben ja zwei. Sie schmecken wie Sprotten, wir haben aus unbehandelten Teakholzresten Späne gehobelt und sie heiß geräuchert.

Noch 1000 sm nach Westsüdwest segeln- ist alles nur Training halt...

Zweieinhalbte Woche

die 2,5. Woche: der Großbaum bricht. Nach über 30 Jahren Einsatz ist heute also der Tag: ein alter unentdeckter Haarriss im Aluprofil und der Zug im Achterliek bei angebrasstem Rodkicker war zu groß. Wir segeln irgendwie mit jedem Längengrad nach West um zehn Jahre in der Zeit zurück. In einer Flaute nach einem harten Squall. Eine Schienung mit Stahlrohr hält zwei Tage. Das Großsegel wird also frei über die Achterklampen mit freien Blocktaljen geschotet, aber nur kein Speed verlieren, man braucht1933324_1710574272491580_6809664860769262165_o bei Raumwind nicht unbedingt einen Baum - das wussten die Dänen bei ihren Smakkebooten schon. Das war noch Segeln, ohne Komfort, reines Segeln. Aber wir leben auf dem Boot, die Stimmung kippt nie - wir müssen da durch! gemeinsam!

Noch 500 sm und wir sind an der Grenze der Übertakelung - das Genuaachterliek ist jetzt fast durch....

Dritte Woche

11251765_1710574295824911_6180757401374805990_oDie dritte Woche: das Wasser wird knapp. Wir jagen Squalls hinterher, aber Achtung: 4bft scheinbarer Raumwind werden zu 7 bft Am-Wind. Wor jedem Squallmanöver also reffen, vorher Vorsegelwechsel; Groß bergen, dann freiwillig direkt in das Sturm- und Schauerböenfeld, um Regen im Beilieger zu sammeln: Tag und Nacht 20 Liter je Squall, das reicht.

der 18. Tag: gekoppelte Gesamtstrecke 2.780 sm, gegisster Standort zum Ortsmittag: 75 sm rechtweisend östlich von St. Lucia. Es ist also pitch black, wenn wir das Nordkap runden. Wir haben die Lolaire-Imrays rausgeholt und stundenlang den Approach vorbereitet, denn wir wollen keine Überraschungen kurz vorm Ziel. Naja, die Genua reißt vom Achterliek bis zum Vorliek. Segelwechsel "kenn' wa -könn' wa".

Mit den aufgesparten Sendeminuten der UKW-Handfunke melde ich uns bei der finish-line in der Rodney Bay an:
wir: "arc-finish-line, this is bull durham 181. We have a blackout, no engine is running, we have a broken boom and a broken genoa. Could you recommend us a berthing place at anchor, please? We would really appreciate that."
die ARC: "bull durham, don't worry. Is this a panpan in progress you want to declare? Don't panic, bull durham.
wir: "no worries, no panic, no panpan. Just space for anchorage under foresail, please."

Finish

Nun...es ist geschafft, wir haben fertig.

Wir nennen die route aber nicht mehr Barfußroute. Wir wurden 9. von 24 Schiffen unserer Klasse.

Ich mag ja dieses Pfadfindersegeln und den Survivalkram, aber laxes Rumsegeln kann es ruhig auch mal sein.

Gute Ratgeber für solche Trips gibt's, auch richtig gute, auch für Newbies. Doch bei aller Redundanz und Vorbereitung: nichts geht über eine fundierte humanistische Schulbildung, viel viel Segelerfahrung und guter Seeausbildung.

Wir waren alle sehr lange nicht mehr duschen, völlig fertig und ganz raus aus ner Komfortzone, es gab an Bord beinahe nur noch Notwendigkeiten, oft ohne zweite Chance, da musste jeder seinen Beitrag leisten, der für alle brauchbar war, und der meist auf Anhieb klappen musste. Dabei hatten von den fünfen an Bord drei keine Segelerfahrung, ich liebe das!

Weitere Zutaten für solch ein Gesellenstück: ein tüchtiges Seeschiff gleich welchen Alters, eine "Seemannschaft", ein komplettes Astrobesteck, ein gutes Seehandbuch (den Cornell oder was von den Briten, NAVIONICS einmal am Tag, eine Imray-Großkreiskarte mit Merkatoranschlüssen von Imray, Wetterwissen, eine smarte, charakterlich gefestigte und seelisch widerstandfähige Crew ohne Befindlichkeiten, ein paar erfahrene Segler, gute Kochkünste, keine Angst vor elementarem Komfortverlust und gutem Riecher für den Zeitpunkt, an dem man still erträgt ohne zu leiden - und grundlegendes Reparaturmaterial an Bord.

Ich segel und skipper jetzt erstmal in der Karibik rum und lese "Lazy Sailing" von einem karibischen Skipper. Vielleicht erschließt sich mir der Reiz des einfachen Segelns ja noch, denn ich möchte mit Mirko darüber nachdenken, die Karibik als neues Revier der großen Freiheit ins Törnprogramm aufzunehmen... und irgendwann die ganze Welt!

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