Können Segler im Mittelmeer helfen? Ein Interview.

Verfasst von Kirsten Panzer am 15. Juli 2016
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Vor Krieg und Hunger Fliehende versuchen weiterhin über das Mittelmeer nach Europa zu gelangen. Aller Gefahren zum Trotz sehen viele darin ihre einzige Chance auf ein friedliches und menschenwürdiges Leben. Viele von ihnen geraten in Seenot. Die meisten werden gerettet, doch viel zu viele bezahlen ihre Suche nach Sicherheit mit dem Leben.

Viele Segler verbringen ihren Sommer auf dem gleichen Meer auf dem fliehende Menschen gleichzeitig um ihr Leben kämpfen. Was können Segler tun, wenn sie einem Boot voller Flüchtender begegnen. Können sie von Bord einer Segelyacht aus überhaupt helfen?

Trans-Ocean hat dazu Fregattenkapitän Frank Martin, Leiter der Pressearbeit im Presse- und Informationszentrum der Marine, einige Fragen gestellt.

 

TO: Herr Fregattenkapitän Martin, vorweg erst einmal vielen Dank, dass Sie sich Zeit nehmen, den Seglern Informationen über das richtige oder angemessene Verhalten auf dem Mittemeer zu geben.

Mit den politischen Entscheidungen ist man bemüht, die Flüchtlingsströme über das Mittelmeer einzudämmen. Wie schätzen Sie die momentane Situation ein?

Fregattenkapitän Martin: Wir beobachten schon seit einigen Wochen wieder eine Zunahme von Flüchtlingsströmen. Das ist ganz einfach auch der Wetterlage geschuldet. Sobald das Wetter sommerlicher wird, ist der Versuch seitens der Flüchtlinge wieder größer, bei vermeintlich ruhiger See diesen beschwerlichen Weg zu wählen. Nachwievor ist das eine gefährliche Situation. Selbst wenn die See ruhig ist. Und im Moment ist es in der Tat so, dass wir jetzt wieder vermehrt von Libyen aus Strömungen in Richtung Europäisches Festland haben.

 

TO: Wie sehen zurzeit, nach dem EU-Flüchtlingsabkommen mit der Türkei, die Routen der Flüchtenden aus? Wo sollte man als Segler besonders aufmerksam sein?

FKpt Martin: Grundsätzlich kann man natürlich sagen, jeder Segler sollte aufmerksam sein. Aber es ist ja nicht Aufgabe der Segler, gezielt nach Booten Ausschau zu halten. Man sollte jetzt nicht mit seinem Segelboot herum fahren und gezielt nach Flüchtlingen suchen. Daraus könnte sich eine Situation entwickeln, die ein Segler als solches nicht beherrschen kann. Für solche Situationen sind ja dann auch wir da, mit unserer Operation Sophia (Kampf gegen die Schleuser vor Ort, Anm.d.Red.).

Auf jeden Fall sollte natürlich jeder Segler, jeder Seemann, auf den jeweiligen Notruffrequenzen entsprechend hörbereit sein. Zusätzlich sollte man sich natürlich, egal in welchem Seegebiet man auch immer fährt, darüber informieren, wo ist das nächste “Rescue Coordination Centre“, wo sind meine Ansprechstellen entlang der Küste. Zu einer vernünftigen navigatorischen Vorbereitung gehört in diesem Fall auch, dass man im Zweifelsfall, wenn die Funkgeräte ausfallen und man im küstennahen Bereich ist, auch mal ein Handy in die Hand nehmen kann. Auch solche Informationen können den nautischen Handbüchern entnommen werden.

 

TO: Alle sprechen auch jetzt noch von Routen zwischen der Türkei und Griechenland. Wie verhält es sich mit den Flüchtlingsbewegungen von Libyen aus? Gibt es auch Flüchtlinge, die von Ägypten, Tunesien, Algerien oder Marokko versuchen, über das Meer zu fliehen?

FKpt. Martin: An welchem Ort die Flüchtlinge starten, vermag ich an dieser Stelle nicht zu beantworten. Fakt ist jedoch, dass entscheidende Routen von Libyen aus in Richtung Europa genommen werden . Deswegen operieren wir ja in Richtung des Bereiches, wo die libysche Küste aufhört. Weil das eben der Punkt ist, wo die entsprechenden Flüchtlingsströme entstehen. Die Operation Sophia ist zum Beispiel nicht im Bereich Marokko eingesetzt. Dort haben wir die Länder mit ihren eigenen Küstenwachen, die dafür Sorge tragen, dass in irgendeiner Form die Sicherheit hergestellt wird. Wir operieren mehr vor der libyschen Küste, aber natürlich außerhalb der libyschen Hoheitsgewässer.

 

TO: Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass man während seines Törns auf ein Flüchtlingsboot trifft?

FKpt. Martin: Das kommt natürlich darauf an, in welchem Seegebiet man sich befindet. Je dichter ich in Gebiete komme, also speziell das Seegebiet vor Libyen oder auch die Ägäis, desto größer ist natürlich die Wahrscheinlichkeit, dass man auf Flüchtlingsboote trifft. Dort sind die neuralgischen Punkte. Wir fahren in diesen Seegebieten mit unseren Schiffen, um am Ende die Flüchtlingsrouten, die genommen werden, zu identifizieren. Dies ist Auftrag sowohl im Rahmen der Operation „Sophia“ als auch im Rahmen des Einsatzes der Schiffe in der Ägäis mit der NATO-Flagge.

Vermeidet man es, diese Seegebiete zu befahren ist die Wahrscheinlichkeit eventuell geringer, auf Flüchtlingsboote zu treffen. Es gibt natürlich immer ein Restrisiko, wenn man entlang der nordafrikanischen Küste fährt, um dort Segelurlaub zu machen. Aus meiner persönlichen Sicht heraus ist das nun nicht gerade ein ideales Gebiet für einen Segler. Da sollte man sich schon lieber Richtung Europa aufhalten. Letztendlich ist die sicherheitspolitische Situation der nordafrikanischen Länder je nach Land mehr oder weniger angespannt.

 

TO: Wie sollen sich Skipper und Crew verhalten, wenn sie auf Flüchtende treffen?

FKpt Martin: Das ist eine sehr, sehr schwere Frage. Weil das ja auch immer situationsabhängig ist.

Wenn sie zwei Menschen haben, die in Seenot geraten sind, dann machen sie natürlich das, was jeder Seemann machen wird. Er versucht sie in irgendeiner Form aus dem Wasser zu holen. Wenn sie aber ein Boot mit mehreren Hundert Menschen haben, können sie die Situation nicht mehr händeln. Hier ist es entscheidend dass sie schnellstmöglich das jeweilige Recue Coordination Centre informieren. Dabei ist es natürlich ganz wichtig, dass sie die Position mitgeben! Dass sie idealerweise auch abschätzen, um wie viele Menschen es sich handelt und dann noch all die Informationen durchgeben, die wir aus anderen Notsituationen heraus kennen – in welchem Zustand sind die Menschen, sind sie einer direkten Gefährdung ausgesetzt, also ist das Boot schiffbrüchig, sind vielleicht schon Menschen im Wasser?

Also so viele Informationen wie möglich durchgeben!

Und auch an Bord selbst sollte man sich organisieren. Die Crew sollte sich für solche Fälle mit Verlassen des Hafens bereits eingeteilt haben. Einer macht den Sprechfunkt, einer hält Ausschau und einer steuert die Yacht.

Ich persönlich wäre mit einer Annäherung an Flüchtlingsboote sehr vorsichtig. Sie wissen nie, ob vielleicht auch noch Schleuser mit an Bord sind. Sie wissen nie, wie die Zusammensetzung auf diesen Booten ist. Sie können dabei auch ganz, ganz schnell in gefährliche Situationen geraten. Deswegen sollte man sehr vorsichtig sein.

Es geht dabei um eine Situationsabschätzung, die man direkt vor Ort treffen muss und nur treffen kann.

 

TO: …und was sollte man auf gar keinen Fall tun?

FKpt Martin: Das ist jetzt genauso schwierig. Auf gar keinen Fall sollte man eine Situation schaffen, die einen selber gefährdet. Sie müssen sich selber so schützen und selber so im sicheren Bereich bleiben, dass sie mit ihrem Notruf helfen. Und das darf man nicht unterschätzen. Wenn sie kontinuierlich ein Lagebild abgeben können, dann ist das ‘ne ganze Menge, die man leisten kann. Weil sich dann die Hilfsorganisationen oder die militärischen Verbände gezielt auf die Rettung vorbereiten können. Dann wissen sie in etwa, was sie erwartet, wenn sie am Ort des Geschehens ankommen.

Und immer die eigene Sicherheit an oberste Priorität setzen. Dafür Sorge tragen, dass man immer Herr der Situation bleibt und sich nicht irgendeiner Gefahr aussetzt.

Und sie sollten auf alle Fälle kontinuierlich berichten. Es kann dann auch gut sein, dass Sie später direkt mit einem Schiff im Einsatz eine Verbindung bekommen. Es hilft uns am meisten, wenn sie die Situation durchgehend beobachten. Wir müssen ja auch überlegen, wie bereiten wir unsere Besatzung vor, wie bereiten wir den Sanitätsbereich vor, wie viele Schwimmwesten brauchen wir. Das hilft uns ungemein, wenn wir die Informationen im Vorfeld haben. Je detaillierter umso besser. Das sorgt dafür, dass die Rettungskette nachher besser funktioniert und die Rettung so schneller erfolgen kann.

 

TO: Kann man sich im Vorfeld auf den Ernstfall vorbereiten?

FKpt Martin: Grundlage ist IMMER die nautische Vorbereitung – Telefonnummern müssen klar und sichtbar, idealerweise einlaminiert, griffbereit sein. Sie müssen genau wissen, wen sie anrufen und wie sie eine Verbindung herstellen. Idealerweise speichern Sie die Nummern bereits vorher in Funkgeräten oder Telefonen ab. Die nautische Vorbereitung gehört einfach dazu.

Ich persönlich würde die Informationen immer wasserfest einlaminiert an eine Wand kleben.

Zusätzlich kann man sich dazu ja auch selber einen kleinen Fragenkatalog erstellen:

Position?

Was für ein Fahrzeug?

Welche Größe?

Welcher Zustand?

Wie viele Personen?

Wie viele Verletzte?

Dann arbeitet man im Grunde genommen eine Checkliste ab.

So würde ich das machen, wenn ich in diesem Gebiet unterwegs wäre. Man ist ja in einer solchen Situation auch schnell nervös. Will agieren, weiß dann aber eigentlich nicht so recht, was man machen soll. Solche Listen helfen dann ungemein.

 

TO: Unter dem humanitären Gesichtspunkt bin ich verpflichtet, Flüchtlingen in ihren seeuntüchtigen Booten beizustehen, aber wie sieht es vom rechtlichen, gesetzlichen Standpunkt aus?

FKpt Martin: Sie sind nicht nur humanitär dazu verpflichtet. Das Internationale Seerechtsübereinkommen der Vereinten Nationen verpflichtet jeden Seefahrer in Seenot Geratenen zu helfen. Aber natürlich nur im Umfang der eigenen Möglichkeiten. Und die Möglichkeiten für einen Segler sind diesbezüglich eingeschränkt. Er kann auf jeden Fall einen Notruf absetzen, da die Flüchtlinge das eventuell nicht können. Er kann kontinuierlich Kontakt zu den Rettungsstellen halten und fortlaufend die Situation vor Ort weiter melden bzw. beschreiben. Der Segler kann damit  Auge und Ohr vor Ort sein.

Das eigene Leben muss dabei aber nicht gefährdet werden. Es wird von niemandem verlangt, sich selber in Gefahr zu begeben.

 

TO: Gibt es Anhaltspunkte dafür, dass ich mein Handeln abhängig davon machen sollte, in welchem Hoheitsgebiet ich mich befinde, wenn ich auf Flüchtlinge treffe?

FKpt Martin: Hier spielt jetzt auch der humanitäre Aspekt mit rein. Wenn sie jetzt zum Beispiel in libyschen Hoheitsgewässern sind, dann sind sie in einem Gebiet, in dem die Küstenwache Libyens das Sagen hat. Dass heißt, Sie müssten rein theoretisch auch deren Küstenwache anrufen. Sie können natürlich, das bleibt ihnen unbenommen, auch andere Küstenwachen informieren. Inwieweit die sich austauschen, liegt in deren Entscheidung. Im Regelfall erfolgt dies jedoch.

Um das Thema noch einmal zusammenzufassen: Nie in eigene Gefahr bringen, die Situation vor Ort beobachten, sich darüber Gedanken machen, an wen kann ich melden, was melde ich und wie handel` ich, ohne mich in Gefahr zu begeben. Alles steht und fällt am Ende jedoch mit der nautischen Vorbereitung.

Man muss sich klar darüber sein, in welchem Seegebiet man fährt und was da gerade passiert.

Eine Anmerkung noch zum Schluss: trifft man auf „graue“ Schiffe, bitte nicht zu dicht heranfahren. Wir haben in solchen Gegenden ganz gerne mal ein paar Meter mehr Abstand. Das betrifft zwar nicht unbedingt die Segler. Wenn jedoch jemand mit einer größeren Motoryacht und etwas mehr Geschwindigkeit auf uns zu fährt, dann werden wir doch schon etwas nervös.

Ansonsten kann man die Schiffe auch gerne anrufen und mitteilen, wohin man unterwegs ist. So etwas hilft uns, ein besseres Lagebild des Seegebietes zu erhalten. Außerdem freuen wir uns auch immer mal über einen kurzen Gruß aus der Heimat. Vielleicht wird man dann auch gefragt, ob man irgendwelche besonderen Beobachtungen gemacht hat.

Aufmerksamkeit ist also wichtig im Mittelmeer.

 

Für den TO – Kirsten Panzer


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