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Reisebericht

Im Racemodus durch die Osteee



Im Racemodus durch die Osteee

Verfasst von Kirsten Panzer am 12. Juni 2020
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Es war kalt, sehr kalt, windig und nass. Die Vorbereitung auf das Rennen hätte nicht kürzer gewesen sein können.
Mein Boot ist am 29. April in Rostock mit dem LKW angekommen. Anschließend haben wir nur noch Gas gegeben.

Am 30. April habe ich zusammen mit meinem Co-Skipper Rasmus die NKE Geräte eingebaut. Die kommenden drei Tage war dann Unterwasserschiffauftragen dran, was Speedsailing übernommen hat. 

In der darauffolgenden Woche wurde Montag und Dienstag (4. und 5. Mai) foliert und verkabelt. Am Tag darauf hat Speedsailing seinem Namen alle Ehre gemacht und das Boot in Windeseile fertig zusammengebaut, sodass Calle Dr. Antonio Jorge Aguiar am Donnerstag, den 7. Mai, ins Wasser gehen konnte.

Zwei weitere Tage habe ich dann damit verbracht, die restlichen Arbeiten am Boot fertig zu stellen und es in „Race configuration“ zu bekommen.

Der Erste Testschlag folgte schon am darauffolgenden Wochenende. Das Boot hat bis dahin keinen einzigen Meter gesegelt. Schnell die brandneuen Segel bei Oleu in Heiligenhafen abgeholt, angeschlagen und ab ging es durch die Nacht über 70 Seemeilen nach Kiel (Überführung zum Regattastart). 

Es war schon ein wenig komisch, noch keine einzige Meile gesegelt zu sein und dann gleich ein Gewaltakt bei 30 Knoten und mehr gegen den Wind durch die Nacht. 

Rasmus Töpsch, der alte Fuchs, hat sich sein eigenes Boot, eine L30, zum Trainingsschlag nach Warnemünde bestellt und so hatten wir einen gleichwertigen Sparringspartner für den Weg nach Kiel. Das war für beide Boote ein guter Vergleich und Aufwärmtraining, denn auch an diesem Wochenende war es kalt, windig und nass.

Kaum am Sonntag in Kiel angekommen ging es wieder nach Hamburg für ein paar Dinge, die im Büro zu erledigen waren und exakt 30 Stunden später wieder zurück nach Kiel für die „just in Time“ Kurzvorbereitung für das 500-Seemeilen-Rennen Baltic 500. Nicht wirklich eine Kurzstreckenregatta zum Test, ob alles funktioniert, sondern eher ein Marathon gleich als Anfang zum Test von Fitness, Geist und Körper. Jeder, der schon mal versucht hat, einen Marathon ohne Vorbereitung zu laufen, wird wissen, was ich meine.

Ganz so extrem ist es natürlich nicht, denn wir sind ja nicht unvorbereitet in das Rennen gegangen, schließlich wissen wir, was wir tun, aber es hat schon enorm an uns beiden gezerrt und geschlaucht, dass muss ich sagen.

Schlussendlich ging es zwei Tage später am 21. Mai los mit der Regatta und wie sollte es anders sein, gegen den Wind, bis fast zurück nach Warnemünde. Erst dort war es möglich, die Schoten zu öffnen und größere Raumwindsegel zu setzen. Erst den Code 0, dann den A2 Gennaker und danach den A5. Dazu muss ich allerdings sagen, dass ich den A2 schon gern etwas länger als ein paar Sekunden lang gefahren hätte, aber genau hier hat sich die mangelnde Vorbereitung mit aller Härte gezeigt und mich einen bösen Fehler begehen lassen.
Ich hatte die Code 0 Schot nicht richtig klariert und in den A2 Gennaker mit eingewickelt. Beim Setzen ging das ganze Segel in den Bach und kam nur noch in Stücken aus dem Ruder hervor. Shit happens, dass ist Racing denke ich mir im Nachhinein, aber genau in dem Moment fiel mir nur das Wort mit „s“ ein.

Kurz in Gedanken, ob es überhaupt Sinn macht, weitere 400 Seemeilen ohne ein passendes Downwind-Segel zu bestreiten, wischte ich den Frust weg und ließ Rasmus den A5 Gennaker hochziehen. Diesen konnten wir bis auf ein paar wenige Meilen im Öresund bis fast vor Laeso halten und so machten wir viele wichtige Meilen auf unseren eigentlichen Gegner, die andere Dehler30od (Powerplay) gut. Ich glaube wir waren zu der Zeit das schnellste Boot im Feld und so hatte ich ein rudergehend ein Dauergrinsen im Gesicht, bis wir Laeso in der Nacht zum Samstag erreichten.

Viele Boote waren zu der Zeit schon längst im safety Modus oder brachen ab, denn der Wetterbericht ließ Schlimmes befürchten. Es war der Durchzug einer Front mit Böen mit bis zu 50 Knoten angesagt, was bekanntlich Orkanstärke ist. Rasmus fiel während unser Rauschefahrt, durch Beobachtung des Wettergeschehens auf, dass die Front längst über uns liegt und bei Böen bis 35, maximal 40 Knoten wohl nicht schlimmer kommen sollte. Da ich mit dem A5 Gennaker und gerefftem Groß gut zurechtkam, habe ich entschieden in dieser Konfiguration bis Laeso weiter zu segeln und zu steuern. Als es endgültig dunkel wurde, nahmen wir den A5 weg und Rasmus übernahm das Ruder für die ungeliebte Hundewache. 

Ab Laeso hieß es circa 180 Meilen gegen den Wind zurück segeln bis nach Kiel. Unser persönlicher Akku ließ etwas zu wünschen übrig und so wurden die Schlafphasen sukzessive verlängert. Der Wind blies weiterhin recht ordentlich, die Wellen wurden wieder kürzer, damit aber auch ungemütlicher. Von der L30 Crew (Rasmus verliehenes Boot) erfuhren wir, dass diese wegen Wassereinbruch über der Kielbox aufgeben mussten. Da, wo wir gerade entlang segelten (Grena), mussten die erst noch hin, um das Boot sicher über den Landweg nach Hause zu bekommen.

Für uns brach langsam die letzte Nacht an und die Große Belt-Brücke näherte sich. Rasmus steuerte bis zur Brücke und ich danach. Der Wind drehte langsam, aber stetig nach rechts, sodass wir einen wunderbaren Anlieger an Langelands Küste entlangfahren konnten. 
So machte sich Hoffnung breit, dass wir mit dem Rechtsdreher auch Kiel anliegen könnten … Pustekuchen, pünktlich an Langelands Südspitze drehte der Wind wieder links und es kamen noch einmal kräftezehrende 22 Seemeilen Kreuz dazu. 

Egal, abwischen und weitermachen - Wir waren auf der Zielgeraden und das motiviert ungemein. Insgeheim hatten wir gehofft noch einmal auf die andere Dehler30od aufschließen zu können, aber Oli und Otto haben Ihren Job sehr gut gemacht und 1 Stunde 20 Minuten vor uns die Ziellinie überquert. 

Insgesamt war es eine super Vorstellung der brandneuen Boote, nichts ist wegen Ermüdung oder Materialfehler kaputt gegangen, das Speedpotenzial hat gehalten, was zu vermuten, aber noch längst nicht bestätigt war.

Die Dehler30od ist eine echte Waffe die entsprechend bespielt werden möchte. Ich denke die Lernkurve auf dem Boot wird noch einige Zeit steil nach oben verlaufen und das stimmt mich sehr zuversichtlich, dass wir eine große Einheitsklasse zusammen bekommen werden.

Da die Nordseewoche leider abgesagt wurde steht für mich jetzt erst einmal Urlaub auf dem Boot und Fahrtenmodus an. Mal sehen wie diese Erfahrung wird, ich bin sehr gespannt.

Andreas Deubel


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