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Reisebericht

Einzigartig - Papua Neuguinea



Einzigartig - Papua Neuguinea

Verfasst von Kirsten Panzer am 15. Dezember 2020
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Die beiden Segelboote Mellifera und Muktuk lagen das erste Mal im Juli 2016 auf den Marquesas zusammen in einer Bucht. Danach trafen sie sich immer mal wieder, auf den Tuamotus, in Tahiti, Neuseeland und zuletzt segelten sie im Juli und August 2018 gemeinsam in Vanuatu. Mellifera nahm dann mit Judith Bosch und Andreas Schwalb den Weg über die Salomonen und die äußeren östlichen und nordöstlichen Inseln von Papua Neuguinea zu den Philippinen, während Muktuk mit Birgit Fernengel und Andreas Neumann von Vanuatu aus direkt auf die Louisiaden im Südosten von Papua Neuguinea zusteuerte. Zusammen berichten sie nun von ihren Erfahrungen und Erlebnissen in diesem ganz besonderen Land, abseits der touristischen Routen. 

Solomonen – Russel Islands und Marovo Lagoon (Mellifera)

Unsere Überfahrt mit Mellifera von Gaua, Vanuatu, auf die Russel Islands der Salomonen dauert sieben Tage. Es ist das letzte Mal, dass wir den Süd-Ost-Passat genießen dürfen. Leider ist die Zeit knapp, da wir vor dem Einsetzen des Nord-West Monsuns im November in Davao auf der Philippineninsel Mindanao ankommen müssen. 

Geplant hatten wir, in Yandina auf Mbanika, der zweitgrößten Insel der zu den Salomonen gehörenden Russell-Island,  einzuklarieren, aber als wir uns der kleinen Stadt nähern, kommen uns unsere Freunde auf der Blue Lily bereits wieder entgegen. Yandina ist seit zehn Jahren kein Port of Entry mehr, auch wenn es auf der Seite von noonsite noch so eingetragen ist. Da wir schon zu weit westlich von Honiara sind, entscheiden wir uns, eine Woche auf den Salomonen zu verbringen - ohne einzuklarieren.

Wir ankeren zwei Tage lang in der schönen, tiefen Bucht auf Mbanika Island, gegenüber des Dorfes Suun. Kreischende Kinderscharen begleiten unsere Einfahrt, die Menschen schenken uns Gemüse und Früchte und der Chief kommt, um uns zu begrüßen. Das Wasser hat jetzt eine Temperatur von 32 Grad.

Bald machen wir uns wieder auf den Weg in die Marovo Lagune. Die Einfahrt bei Mbili Island ist nicht einfach. Zwar gibt es einige Tonnen und Markierungen, aber ausgezeichnetes Kartenmaterial ist hier unbedingt notwendig. Mbili ist berühmt für seine Schnitzer und deren Kunstwerke. Im Revierführer hatten wir von „extreme pestering“ durch die Schnitzer gelesen. Und tatsächlich schon wenige Minuten nach unserer Ankunft werden wir ohne Pause belagert, mit lautem Wummern wird an den Rumpf geschlagen. Wir kaufen eine wunderschöne Maske und ergreifen die Flucht. Auf der Fahrt nach Norden in der Lagune werden wir weiter belagert. Wer nicht unbedingt eine Schnitzerei kaufen möchte, der sollten den Süden der Marovo Lagune meiden. Weiter nördlich finden wir einige ruhige Ankerplätze und die lang ersehnten „einsamen Strände“.

Papua Neuguinea (Muktuk)

Zahlreiche Mythen ranken sich um Papua Neuguinea (PNG), eine Insel, die spät erschlossen und missioniert wurde und auf der noch bis vor 80 Jahren in einigen entlegenen Gegenden die Menschen wie in der Steinzeit lebten. Denkt man an PNG, stellt man sich Kannibalen in Baströcken mit rotgrünem Federschmuck auf dem Kopf und bunter Körperbemalung vor. Es ist ein Land der Gegensätze, zwischen der teilweise hochmodernen Hauptstadt Port Moresby und den Stammesstrukturen im Hochland, und es ist das Land mit der höchsten Sprachendichte der Welt.

Port Moresby, 11.-29. September 2018

Nach gut einer Woche auf See, mitten in der Nacht gab es zweimal einen lauten Knall und die Muktuk wurde deutlich langsamer. Ein Kontrollblick mit der Taschenlampe an Deck, die Genua ist weg. Sie lag längsseits im Wasser. Das Vorstag am vorderen Mast war gebrochen und durch die Last des Segels hatte sich das Aluminiumrohr der Rollanlage stark gebogen und war auf ungefähr  zwei Metern Höhe ebenfalls gebrochen. Nach etwa einer Stunde hatten wir das Segel geborgen und an der Reling festgebunden. Mit der Fock konnten wir noch gut weiter segeln, und setzten direkt Kurs auf Port Moresby, ohne einen weiteren Stopp im Louisiade-Archipel, einer Inselgruppe im äußersten Südosten Papua-Neuguineas, einzulegen. 400 Seemeilen lagen noch vor uns.

Am Ende pustet Rasmus noch mal ordentlich, als wir uns den Weg durch die beiden Riffe suchten, die der Bucht von Port Moresby vorgelagert sind. Muktuk musste sich mit Böen von bis zu 40 Knoten herumschlagen und dabei noch gut Kurs halten. Schon von Weitem sahen wir die modernen Glasfassaden der Hochhäuser. Beim Näherkommen zeichnete sich das begrünte Villenviertel auf einem Hügel ab. Darunter am Strand lag ein großes Kongresszentrum! Ein ungewohnter Anblick für uns nach all den abgelegenen Inseln Vanuatus.

Die letzten paar hundert Meter werden wir von einem Motorboot der Marina geleitet und werfen am späten Nachmittag den Anker im engen Becken. Außerhalb der Marina wäre zwar mehr Platz, aber da soll es nicht sicher sein, sagen uns die beiden jungen Männer, unsere Lotsen. 
Die Marina mit dem umliegenden Park wird gut bewacht, das sehen wir schon am ersten Abend. Polizei und Wachpersonal stehen auf ihren Posten und schauen den abendlichen Spaziergängern und Joggern zu, die auf den umzäunten Grünanlagen des Schutzwalls um die Marina herum die letzten Sonnenstrahlen nutzen.

Die Vertreter der Behörden kommen am nächsten Vormittag an Bord. Die Dame von der Quarantäne und ihr junger Lehrling schauen sich im Schiff um, begutachten die Lebensmittel, die sichtbar ausliegen, nahmen aber dann doch nichts mit. Der Zollbeamte, Ernest, unterhält sich länger mit uns und erzählt uns schon einiges über die Lebensbedingungen in der Hauptstadt, die hohe Arbeitslosigkeit und bevorstehenden Ereignisse rund um das Treffen der APEC, der  Asiatisch-Pazifische Wirtschaftsgemeinschaft. Papua Neuguinea war im November 2018 Gastgeber für das Jahrestreffen der Wirtschaftsvereinigung der Pazifik-Anrainer-Staaten.

Der Papua Royal Yacht Club hat einige langgezogene Stege, an denen vor allem  Motorbooten liegen. Es ist eine  große, zweistöckige Clubanlage, mit Büroräumen, einem Café und Fitnessclub im Erdgeschoss und einem großen klimatisierten Restaurant mit Bar im ersten Stock, mit Tischen auch draußen auf dem Balkon, der sich über die gesamte Front entlang zieht, mit einem schönen Blick auf die Boote und die Bucht, besonders wenn am Abend die Sonne untergeht.

Gefangen im Yachtclub

Die Warnungen vor der Stadt „da draußen“ kommen von allen Seiten: Die Angestellten des Yachtclubs warnen uns davor,  tagsüber  unbegleitet das Gelände zu verlassen  und bei Dunkelheit schon gar nicht. Sie zeigen uns auf der Karte die Stadtteile, in denen wir auch tagsüber auf keinen Fall auf der Straße sein sollten. Am besten sollten wir ein Taxi nehmen, wenn wir irgendwohin fahren wollen, aber auch da nur die hellblauen oder gelben, alle anderen seien nicht vertrauenswürdig. Und schon gar nicht mit den öffentlichen Kleinbussen, den PMVs (public motor vehicles), fahren. Denn man riskiere, als Weißer überfallen und ausgeraubt zu werden. Allerhöchstens der Weg zum Einkaufszentrum und den Restaurants bei den Bürogebäuden, beides etwa  fünf Minuten entfernt, sei sicher - bei Tageslicht.

Abends sitzen wir bei einem Bier in der Bar des Yachtclubs und lernen ein paar Leute kennen, Neuseeländer, Briten, Australier, alles Expats, Angestellte ausländischer Firmen, die für ein paar Jahre in Papua Neuguinea arbeiten und die statt in einer bewachten Wohnanlage in der Stadt lieber auf einem Boot in der Marina leben. Sie meinen, dort sei es um einiges sicherer und natürlich auch günstiger. Sie alle bestätigen im Wesentlichen das, was wir bereits im Internet über Port Moresby gelesen haben: Jugendliche Banden ziehen nachts herum, manchmal auch tagsüber, die Arbeitslosigkeit ist extrem hoch, nur 20 Prozent der Einwohner von Port Moresby haben eine Arbeit.

Der Eindruck, in einer glitzernden Blase zu leben, verfestigt sich immer mehr. Der Königliche Yachtclub besitzt über 3 000 Mitglieder, manch ausländische Firmen schenken ihren Mitarbeitern eine Mitgliedskarte als zusätzlichen Bonus. Hier trifft man sich in zwangloser und sicherer, aber auch exklusiver, Umgebung. Jede Woche gibt es ein Programm, vom Oktoberfest bis zur Kinderdisko am Wochenende. Wir fühlen uns innerhalb des Geländes zwar sehr sicher, aber der Eindruck verfestigt sich immer mehr, dass wir hier ganz schön eingesperrt sind.
Gleich am ersten Abend spricht uns sehr freundlich und höflich ein feiner älterer Herr an, ob wir denn die neuen Segler aus Deutschland seien und stellte sich vor als einziger (ehemaliger) Langzeitsegler des Yachtclubs. Brian stammt aus Australien, hat früher lange Zeit für die australische Verwaltung von PNG gearbeitet und ist inzwischen offiziell Staatsbürger dieses Landes. Er kennt das Land seit 60 Jahren und spricht nicht nur die übergreifende Verkehrssprache Tok Pisin,  das Pidgin-Englisch, sondern auch Motu, die Sprache der Küstenbewohner. Brian betreut die durchreisenden Segler im Namen des Yachtclubs und wir nehmen sehr gerne seine Einladung zum Abendessen am übernächsten Tag an.

Und es ist Brian, der schließlich den Kopf schüttelt über die vielen Ratschläge, die wir in den ersten Tagen hörten. Wir lassen uns gerne von ihm überzeugen, dass wir tagsüber durchaus in der Stadt herum-fahren und -gehen können. Auf die richtige Körpersprache komme es an, meint er: freundlich und auf keinen Fall aggressiv sollten wir auftreten.

Kunterbunt uns Schwarz-Rot-Gold

Das probieren wir dann auch gleich aus, denn Mitte September gibt es ein dreitägiges Fest mit , Papua Neuguinea begeht seinen Unabhängigkeitstag mit Paraden und Feiern  in allen Stadtteilen. Wir fahren erst mit dem Taxi zum neu angelegten Park mit Uferpromenade, zum Ela Beach neben dem neuen Kongresszentrum, wo unter Tausenden  fröhlichen Menschen gerade einmal 20 Ausländer zu erkennen sind. Es gibt viele Stände mit Essen und Kunsthandwerk und ein paar Bühnen. Traditionelle Tänze werden aufgeführt. Neben der Bühne bereiten sich weitere Gruppen vor, schminken sich, üben noch schnell ein paar Schritte.

Die Zuschauer bilden ein buntes Meer in den Farben Schwarz-Rot-Gold, den Nationalfrben dieses noch jungen Staates, denn alle tragen entweder ein T-Shirt mit bunten Motiven oder eine selbst gehäkelte Mütze in diesen Farben. 

Überall lächeln uns die Leute an oder winken uns aus ihren Autos heraus fröhlich zu, wenn wir fotografieren, und wir freuen uns, dass wir uns raus gewagt haben aus dem bewachten Käfig. Für den Rückweg nehmen wir einen der öffentlichen Busse: 26 Sitze, ein Fahrer und ein Schaffner, der gleichzeitig auch der Ausrufer ist. Es gibt feste Buslinien, aber keinen Fahrplan, was auch auch nicht wirklich nötig ist, denn sobald ein Bus einigermaßen voll ist, fährt er los. Warten muss man selten länger als zehn Minuten. Das kennen wir schon von Dominica und Guatemala, dieses System funktioniert wirklich hervorragend.

Neu ist hier für uns, dass wir wirklich die einzigen (weißen) Ausländer sind, die im Bus sitzen und dass wir von den Mitreisenden gefragt werden, wohin wir fahren möchten. Sie wollen sicher gehen, dass wir im richtigen Bus sitzen und an der richtigen Haltestelle aussteigen und auf keinen Fall verloren gehen und so ergeben sich meistens sehr nette Gespräche! Wir fühlen uns sofort gut aufgehoben.

Ab jetzt fahren wir - tagsüber - nur noch mit dem öffentlichen Bus in der Stadt herum, zum Baumarkt, Fischmarkt, Gemüsemarkt, sogar weiter raus zum Botanischen Garten. Und jedes Mal passiert das Gleiche. Sobald wir einsteigen, fragt uns sofort jemand, wohin wir wollen, woher wir kommen, ob wir das erste Mal hier sind und wie es uns gefällt. Und wenn wir volle Rucksäcke und schwere Taschen dabeihaben, wird ganz selbstverständlich mit angepackt. Bei so viel Freundlichkeit und Fürsorge fällt uns die Antwort nicht schwer: Wir sind sehr angetan von den Menschen hier!

Wellblechdächer und Glasfassaden

Port Moresby ist eine Stadt der Gegensätze, einerseits die modernen Bürohochhäuser im Zentrum, dazu die eingezäunten Wohnanlagen mit Stacheldraht und Alarmanlagen für die Ausländer, während hinter dem nächsten Hügel eine Siedlung mit Wellblechhäusern auftaucht, wild durcheinander gewürfelt. Dazwischen ganze Straßenzüge mit Läden aller Art. Überall wird gebaut, Straßen, Häuser, Hafenanlagen, die einheimischen Bauarbeiter werden von chinesischen Vorarbeitern in Tarnanzügen überwacht, die Baufirmen scheinen überwiegend aus China zu kommen. Das bevorstehende APEC-Treffen im November hat wohl diesen Bauboom mit ausgelöst.

Sehenswürdigkeiten hat die Stadt nicht viele zu bieten: Das Nationalmuseum der Hauptstadt wird gerade renoviert und zeigt seine Ausstellung erst in einem Monat wieder, aber der Botanische Garten mit kleinem Tierpark wird beworben und ist wirklich sehr schön.
Für Touristen sind geführte Wanderungen im Busch beziehungsweise im  Hochland interessant oder ein Flug zu den abgelegenen Inseln zum Surfen oder Tauchen. Port Moresby mit seinem Wildwuchs ist bestimmt nicht repräsentativ für den Rest des Landes.

Eine Woche vor Weihnachten sind wir wieder auf unserer Muktuk, nachdem wir sie mehr als zwei Monate lang in Port Moresby in der Marina zurückgelassen hatten. In der Zwischenzeit ist es sehr viel heißer geworden, die Temperaturen bewegen sich um die 35 Grad Celsius im Schatten und die Luftfeuchtigkeit schätzen wir auf nahezu 100 Prozent. Nachts kühlt es nicht mehr richtig ab. Willkommen zurück in den Tropen!

Arbeiten wird so zu einer echten Herausforderung: Wir werden zu Frühaufstehern, um die wenigen noch einigermaßen erträglichen Morgenstunden auszunutzen. Wir kommen auch gut voran, vor allem klappt die Montage des neuen Vorstags wunderbar. Die sperrigen Ersatzteile sind geliefert worden, andere wiederum haben wir selbst mitgebracht. Nachmittags, an manchen Tagen bereits mittags, flüchten wir für eine Weile ins Restaurant oder in die Lobby des Yachtclubs, wo die Klimaanlage uns solange abkühlt, bis wir anfangen zu frieren…
Am ersten Weihnachtsfeiertag hat Brian uns zusammen mit seiner Familie und Freunden zum Christmas Lunch ins noble Crown Plaza Hotel eingeladen, in dem wir nicht nur fürstlich gespeist haben, sondern auch als Brians Gäste  auch dem Premierminister die Hand schütteln durften.

Normanby Island, Milne Bay

Und dann geht es, mehr als drei Monate nachdem wir in den Hafen eingelaufen waren,  endlich wieder in die freie See hinaus in Richtung Milne Bay im Osten von Papua Neuguinea. Wenig Wind, viele Motorstunden. Silvester verbringen wir in der gut geschützten Ankerbucht Seva Bay auf Normanby Island. Wir liegen vor einer kleinen Siedlung. Schon bei unserer Ankunft werden wir von unzähligen Auslegerkanus umringt, die alle die dim dims, wie die Weißen hier genannt werden,  mit ihrem komischen Gefährt anschauen wollten. Schließlich kommen hier pro Jahr nur ein oder zwei Yachten vorbei, da hat man schon Neuigkeitswert. Seitdem bekommen wir jeden Tag immer wieder Besuch von Männern, Frauen, Kindern, die irgendetwas zum Tauschen bringen. Bananen grün und gelb, Kokosnüsse, Limetten, Papayas, Tomaten, Bohnen, Ananas, Guaven, Orangen, Passionsfrüchte - unsere Messe quillt über vor lauter Obst. Was die Papua hier im Tausch gerne hätten? Reis, Angelhaken, Angelleine, T-Shirts für die Kinder, Hefte und Stifte. Ich komme mit dem Kuchenbacken gar nicht mehr hinterher, denn mit einem Stückchen Bananenkuchen können wir die Tauschwilligen vertrösten, die als fünftes Boot mit einer Staude Bananen ankommen und denen wir beim besten Willen nichts mehr abnehmen können. Und außerdem verbrauchen wir damit wenigstens ein paar Bananen. Was wir dutzendweise hätten mitbringen können, sind Lesebrillen. Die haben wir aber leider nicht und so hat der methodistische Pfarrer meine Ersatzbrille bekommen und viele andere gingen leer aus. Nur so als Idee, wenn jemand mal in die Gegend kommt.

Nach und nach lernen wir die Familien- und Klan Strukturen kennen, treffen die Oberhäupter der Familien, des Dorfes und der Bucht. Fred Francesco, Schwiegersohn des Chiefs „unserer“ Siedlung, und dazu Wanderführer, lädt uns zur hiesigen Silvesterparty ein. Wir bringen kaltes Bier, frisch gebackenes Brot und Kuchen mit, die Familien bereiten Yams, Reis und ein frisch geschlachtetes Schwein zu und fertig ist unser opulentes Silvestermahl. Hinter der Handvoll einfacher Bambushütten wirft Francesco am Abend den Generator an, so haben wir Licht und laute Musik aus großen Lautsprechern. Kurz vor Mitternacht wird es dann ganz lustig, denn von irgendwoher kommt eine professionelle Bandausstattung zum Vorschein: E-Gitarren, Bass, ein Keyboard, ein Mixer, noch mehr Lautsprecher, Mikrofone… Und dann geht es mit aktueller  Musik aus Papua Neuguinea los. Sehr laut, nicht sehr abwechslungsreich, aber mit großer Hingabe, guter Laune und bis zum Sonnenaufgang wird ein Lied nach dem anderen dargeboten. Land der Gegensätze…

Gästehäuser gibt es in der Siedlung auch: Ein paar Bungalows aus Holz und Palmwedeln, umrahmt von schönen Büschen und Blumen. Gleich dahinter fließt der Fluss, der sich zum Baden und Wäschewaschen bestens eignet. Pro Jahr kommen rund 60 Gäste, meist in Gruppen und überwiegend Franzosen und Deutsche. Fred kümmert sich  um die Gruppen, führt sie auf Wanderungen in die Berge, zeigt und erklärt ihnen die reiche Pflanzen- und Tierwelt und erzählt dabei  viele Geschichten von heutigen und vor allem von früheren Zeiten, als sich die einzelnen Stämme der Insel bekämpften und der Brauch des Menschenfressens noch nicht von den Missionaren unterbunden wurde. Ungetrübt vom Einfluss der christlichen Kirchen und immer noch sehr lebendig ist auf den Inseln der Milne Bay der Glaube an Magie, an Zauberei. So hat zum Beispiel ein besonders eifriger Missionar mal einen Dorfältesten ausgeschimpft, weil er am Sonntag in seinem Garten arbeitete. Dieser war darüber so verärgert, dass er einen Zauberfluch in Auftrag gab, woraufhin des dem Missionar bald so schlecht ging, dass er verstarb. Sogar in den überregionalen Tageszeitungen lesen wir auch heute noch die deutliche Ermahnung, dass Zauberei unter Strafe gestellt sei.

Papua ist berühmt für seine Artenvielfalt

Ab und zu kommen auch Biologen, die nach seltenen endemischen Pflanzen, Fröschen und Schlangen suchen und sich von Fred führen lassen. Als vor ein paar Jahren in den umliegenden Bergen große  Nickelvorkommen entdeckt wurden, bleiben die Verhandlungen einer ausländische Bergbaufirma, die den Abbau übernehmen wollte, mit den Landbesitzern erfolglos.  Nicht nur, dass damit der Lebensraum der seltenen Pflanzen und Tiere zerstört worden wäre, auch heilige und historischen Stätten wären vom Bergbau betroffen gewesen, zum Beispiel der ehemalige Kampfplatz, auf dem der Stamm dieses Tales so viele Siege errungen hat oder das Tor oberhalb des Flusses, durch das die Geister der Verstorbenen gehen müssen. Mit Hilfe einer Anwältin, spezialisiert auf diese Art von Konflikten, konnte die einheimische Bevölkerung schließlich die Bestrebungen des Minenkonzerns abschmettern.

Auf den Inseln der Milne Bay sind die Gemeinschaften immer noch matrilinear organisiert, was bedeutet, dass die Männer in die Familie der Frauen einheiraten, wobei Grund und Boden im Besitz der Großfamilie der Frau bleiben. Wenn man hier einen Mann fragt, wo er wohnt oder wo seine Familie ist, bekommt man unter Umständen zwei Richtung gezeigt, einmal die, in der er aufgewachsen ist, und dann dorthin, wo er gerade lebt. Die Großfamilien entscheiden meistens gemeinschaftlich, welches Stück Land für den Garten gerodet wird, dort werden dann unter anderem Yamswurzeln angepflanzt, die in der Milne Bay besonders gut gedeihen und die wichtigste Quelle für Kohlehydrate sind. Selbstversorger sind sie hier alle. Nach einem Jahr wird ein neues Stück Land gerodet, die Erde des aktuellen Gartens darf sich für sieben bis acht Jahre erholen, bevor sie wieder bepflanzt werden kann.

Auch wir verabreden eine Wanderung mit Fred den Fluss hinauf bis zu einem kleinen Wasserfall mit Schwimmbecken. Vorher zeigt er uns auch noch den Platz, an dem jedes Jahr Ende Oktober  das Goldies Bird of Paradise Creative Festival, benannt nach dem Lavendel-oder Schmuckparadiesvogel stattfindet.  Drei Tage lang singen und tanzen hier die Menschen von Normanby Island und den umliegenden Inseln, rund 5 000 Besucher haben im vergangenen Jahr daran teilgenommen,  nur Einheimische, keine Fremden. 

Nissan Island

Von Normanby Island sind wir in einem Rutsch bis zu der äußeren Inselkette im Osten von Papua Neuguinea gesegelt mit Ziel Nissan Atoll oder Nehan Island, wie es in der Sprache der Bewohner heißt.

Es gehört zu der autonomen Region Bougainville, die wiederum voraussichtlich in diesem Jahr ein selbständiger Staat werden wird, wenn denn die Volksabstimmung im Oktober die erwartete Mehrheit dafür ergibt. Der ganze Prozess wird dem früheren irischen Premierministers Bertie Ahern als Vermittlerunter der Regie der UNO abgewickelt.  Person des Dreißig Jahre lang, bis 1914, war Bougainville eine deutsche Kolonie, genauso wie der ganze Nordosten des Festlandes von Papua Neuguinea, die Inseln New Britain und New Ireland (Neu Mecklenburg und Neu Pommern) bis weiter nördlich Palau, die Marshall- und die Marianeninseln (außer Guam).. Die Deutschen haben sich hier, anders als in Afrika, gut benommen, hören und lesen wir. Sie hatten eine gut funktionierende Verwaltung aufgebaut, versucht, gemeinsam mit den Missionaren die Stammeskriege zu befrieden und damit den Brauch des Menschenfressens zu unterbinden, sowie Schulen und Krankenhäuser gebaut. Sie haben Kokosplantagen angelegt, von denen heute noch viele bewirtschaftet werden. Damals konnte man richtig reich werden mit der Produktion von Kopra.

Nur die Grenzziehung hat nicht so recht geklappt. Die Insel Bougainville fühlt sich ethnisch den Salomonen zugehörig und schon jeher als Fremdkörper im Staat Papua Neuguinea. Als dann eine australische Firma  in den 1970e- Jahren im großen Stil dort Kupfer abgebaut hat , mit dessen Gewinn 20 Prozent des Staatshaushaltes  finanziert wurden, , kam es zur Rebellion und zuletzt zu einem Bürgerkrieg, da Bougainville selbst nicht von der Kupfergewinnung profitierte und stattdessen nur große Umweltschäden zu verzeichnen hatte. Die Produktion der Kupfermine wurde schließlich eingestellt - bis heute.

Zwei Boote - jetzt wird es voll

Als wir am frühen Morgen noch ein paar Meilen vor dem Nissan Atoll liegen und auf gutes Licht für die Einfahrt warten, funkt uns ein Boot an. Es ist die Vela mit Shirley (USA, Philippinen) und Franz (Holland) . Auch sie warten darauf, die Einfahrt passieren zu können.  Und dann meldet sich auch noch Andrew, der Australier, der dort mit seiner Familie lebt und inzwischen zwei Segelboote vor Anker liegen hat, mit denen er eine Art Fährdienst zwischen den Inseln betreibt, Menschen und Fracht. Andrew gibt uns eine Beschreibung durch, wie und wo wir am besten die enge Passage ins Atoll meistern können.

Wir gehen gleich noch am Nachmittag zum Antrittsbesuch bei Chief Patrick im Dorf gegenüber an Land und lernen dabei auch seine nette Tochter Barbara kennen. Chief Patrick ist eine beeindruckende Person und noch sehr fit mit seinen 80 Jahren.

Es ist eine Wohltat auf dem schönen Platz auf einer Anhöhe am Ufer mit Tisch und Bank unter Bäumen bei ihm zu sitzen.  Hier weht ein kühlendes Lüftchen, wohingegen im Boot die Hitze mit bis zu 40 Grad Celsius brütet! Die Kinder haben momentan Ferien und gefühlt das ganze Dorf hat sich dort versammelt, um Shirley, Franz und uns zu begrüßen. Der Chief hat ein Gästebuch, in dem sich die Segler eintragen, die hier Halt machen. Sechs oder sieben Boote waren im letzten Jahr dort, da ist es ein seltener Zufall, dass gleichzeitig zwei Boote gleichzeitig ankommen!

Am nächsten Morgen pünktlich um 8 Uhr sind wir wieder zum Tauschmarkt an Land, Chief Patrick hat diesen für uns organisiert. Es ist eine ganz neue Erfahrung, ein Markt, auf dem die Frauen die Preise der Waren in einer anderen Währung bemessen, in Kaffee, Heften, Reis, Mehl oder Zucker. Wir fahren mit einem großen schwarzen Eimer voller Tauschwaren an Land und mit einem vollen Eimer Obst und Gemüse wieder zurück aufs Boot.

Anschließend wollen wir einen Spaziergang zusammen mit Shirley und Franz unternehmen. Wie wir das schon von Vanuatu kennen, gehört es sich nicht, Besucher allein herumlaufen zu lassen. Als Begleitung werden uns vom Chief zwei ungefähr zwanzigjährige Jungs bestimmt, wobei sich  noch drei jüngere Jungen dazugesellen. Alle fünf sind eine lustige Truppe, mit denen wir uns gut verstehen. Wir kommen an einzelnen Häusern und Gärten vorbei, treffen unterwegs immer wieder Leute, bleiben stehen und unterhalten uns mit ihnen. Gärten werden hier, wie auch auf Normanby Island mitten aus dem Urwald herausgehauen. Eine mühsame Arbeit, bei der Familie und Nachbarn mit anpacken müssen. Hier allerdings kann der Garten bis zu drei Jahre lang genutzt werden, bevor der Boden wieder dem Urwald überlassen wird. Denn der Boden enthält noch viel Phosphat aus früheren unbesiedelten Zeiten, die großen Vogelkolonien haben reichlich Guano hinterlassen. 

Die Jungs haben uns auf dem Rückweg aus einer der Kokospalmen-Plantagen Trink-Kokosnüsse geholt. Es war eine Schau, wie fix das ging, erst wurde ein Seil aus einer kräftigen Pflanze gedreht, dieses um die Füße gebunden und dann ist einer der beiden Älteren die Palme hochgekraxelt. Eine herrlicher Durstlöscher ist das Kokoswasser nach einer Wanderung in der tropischen Hitze. Das weiche Fleisch haben wir herausgekratzt und gegessen und waren danach so satt, wie nach einer richtigen Mahlzeit. Ein Mann, der vorbeikam und sich mit uns unterhielt, sagte, dass es die „German Coconut“, die deutsche Kokosnuss sei, die hier wächst, und die sei viel süßer als die üblichen.

Später erfahren wir, dass tatsächlich ein Deutscher die Plantagen angelegt hat. Zu der Zeit betrieb Australien hier noch Sklavenhandel. Ein Teil der Inselbevölkerung wurde regelrecht entführt und verschleppt. Ein verzweifelter Einheimischer schaffte es, sich eine Waffe zu besorgen und konnte fliehen.

Auf dem Weg in die Unabhängigkeit

Zurück auf Nissan und schwer traumatisiert, sah er den weißen deutschen Siedler und erschoss ihn. Von dem Australier Andrew, der eine Frau aus dem Dorf geheiratet hat  hören wir diese und noch viele andere Geschichten über Nissan und Bougainville. Andrew ist auch sehr zuversichtlich, dass es zur Unabhängigkeit Bougainvilles kommen wird,  das Referendum sei nur noch eine Formsache, man rechne mit einer fast hundertprozentigen Zustimmung. Auch die Zukunft sieht er sehr positiv, es gäbe eine junge gut ausgebildete Generation, die sich in den Dienst des Landes stellen wolle. 

Unsere letzte der vier ausgemusterten Bord-Batterien überlassen wir später  Andrew, der im Handumdrehen noch eine Box dafür baut und sie zur Nachbarinsel bringt. So können auch die dortigen Bewohner ein Funkradio betreiben und Bescheid geben, wenn sie Hilfe brauchen.

Pinga Police! 

Wir sitzen gemütlich bei der ersten Tasse Tee, lesen und werden langsam wach. Ein typischer ruhiger Morgen im Boot. Die Hitze des Tages hat sich noch nicht ganz ausgebreitet. Da hören wir schon die ersten Stimmen, Kichern, Ruderblätter plätschern im Wasser, ein Poltern an der Bordwand und irgendwann ein leises „Hello“..

Eigentlich sind wir erst nach der zweiten Tasse Tee ansprechbar, aber hier hat man einfach keine Wahl., schlißlich will man nicht als unfreundlicher Weiße gelten und so geht’s an Deck, nachschauen, wer da ist. Ein Ausleger-Kanu mit zwei, drei, manchmal sogar fünf Kindern, die sofort wieder loskichern, sobald man ihnen Hello  und Good Morning zuruft.  Manchmal paddeln sie noch mühsam gegen den Wind an, wenn er mal wieder etwas heftiger weht, oder sie haben es schon geschafft, halten sich an der Bordwand fest und schauen neugierig rein.

Die Kinder hier verhalten sich so ganz anders, als man es aus  Deutschland kennt. Schaut man sie an oder spricht mit ihnen, fragt nach ihrem Namen, wenden sie sich ganz schnell schüchtern ab, verstecken das Gesicht in den Händen und kichern verlegen oder legen ihren Kopf ins Boot wie ein Vogel-Strauß. Oft fassen sie sich erst beim Nachfragen ein Herz und antworten, das dann aber so leise, dass man noch einmal nachfragen muss, um in Erfahrung zu bringen, was sie denn möchten, warum sie denn gekommen sind. Einfacher geht es, wenn man direkt fragt, was sie mitgebracht haben. Dann erneutes w Kichern und  Kopfverstecken, sobald eines der Kinder zum Beispiel „eggplants“ (Auberginen) ruft oder Bohnen, Ananas, was auch immer sie in einer Tüte oder einem Körbchen mitbringen.

Nun beginnt der schwierigste Teil der Kommunikation, was bekommen sie dafür? Reis, Mehl, Stifte, Hefte, Kekse?
Ja! Heftiges Nicken. Und bitte ein „Pinga Police“! Erneutes Kichern… . „Was ist das?“, frage ich ratlos zurück? Was für eine Polizei? „Pinga Police!“ So geht es immer weiter, bis eines der  der Kinder schließlich auf seine lila angemalten Fingernägel zeigt und noch einmal eindrücklich wiederholt: „Pinga Police!“. Oh, alles klar! Finger polish, also Nagellack!

Farbe für alle

Erleichtertes Kopfnicken auf beiden Seiten der Reling, Nagellack ist es, Nagellack soll es sein! Denn am ersten Tag beim Tauschmarkt, den Chief Patrick organisiert hatte, hatte ich ein Fläschchen lilafarbenen Nagellack mitgebracht und mitsamt den Heften und Stiften einer jungen Frau gegeben. Das hatte sich herumgesprochen und nun war Nagellack der Renner. In den nächsten Tagen wird es dann sehr bunt im Dorf, Erwachsene wie Kinder, Männer und Frauen, Jungs und Mädchen laufen herum mit rot, blau, grün, rosa und lila angemalten Nägeln an Händen und Füßen.

Manchmal schaffe ich es gerade noch, für unser Müsli die Papaya, Ananas und Bananen zu schnippeln - Früchte haben wir ja inzwischen reichlich, bevor es wieder „Hello?“ von draußen ertönt. So geht das unter Umständen den ganzen Tag lang, die Treppe rauf und wieder runter, in den Schubladen nach Haargummis, Fischhaken, Wäscheklammern und Stiften kramen, Reis (braun oder weiß?) und Mehl aus den 5 kg Großpackungen abfüllen, Obst und Gemüse an Deck nach Ameisen absuchen, verstauen und vor allem versuchen, den Überblick zu behalten. Jetzt haben wir wirklich genug Süßkartoffeln und Bananen. Bei der sechsten Ananas muss ich leider den Kopf schütteln und auf einen anderen Tag vertrösten. Und Trink-Kokosnüsse haben wir auch erst einmal mehr als genug. 

Umrechnungstabelle erwünscht

Womit wir zum nächsten schwierigen Punkt kommen: Woran bemisst sich der Wert der Tauschsache? Wie erkenne ich, ob ich für zwei Eier genauso viel geben soll wie für eine Papaya? Was ist der Gegenwert für die Tüte Mischgemüse: zwei Süßkartoffeln, drei grüne lange Bohnen, zwei kleine Auberginen und ein frisch abgebrochener Zweig mit scharfen Chilischoten?

Mir fehlt der Kompass dafür. Ich kann nur aufzählen, was ich habe, fragen und raten, in die Gärten schauen, mit den Leuten reden und beobachten, ob die Gesichter zufrieden sind oder ob sie nach einigem Zögern doch noch etwas mehr erwarten.

Die Kinder paddeln meistens noch längere Zeit ums Boot herum, zeigen sich gegenseitig die Sachen, lutschen die Bonbons oder knabbern schon mal an den Keksen. Sie kichern, lachen und gerne wüsste ich, was sie sich so zurufen.

Nach ein bis zwei Tagen kann ich langsam ihre Gesichter auseinanderhalten und zu manchen die Namen zuordnen: Samelu, der so fröhlich lacht und mit seinen sieben Jahren so vorwitzig ist; Pamela, die inzwischen ihre Schüchternheit überwunden  hat, aber meistens immer noch so ernst schaut; Anna, Benedicta, Laureen, John, Christopher oder Sammy, der Tänzer und das sind längst noch nicht alle.

 Wenn uns Erwachsene besuchen, haben auch sie meistens Kinder unterschiedlichen Alters dabei. Die ganz kleinen können gerade einmal den Kopf aus dem Kanu stecken und halten sich ordentlich fest, die älteren turnen schon viel mutiger herum. Manche bringen auch was zum Tauschen aus ihren Gärten mit, andere kommen einfach nur zum Plaudern oder fragen nach Medikamenten. Dann unterhalten wir uns über ihre Familien, über den Garten, das Leben auf der Insel, über unsere Reisen, woher wir kommen, wohin wir weiterfahren. Und immer wieder hören wir: „Germans are good people.“.

Kavieng, letzte Station in Papua Neuguinea

Drei Tage brauchen wir von Nissan Island bis Kavieng. Die letzte Nacht ankern wir vor Lihir Island, gehen aber nicht an Land, sondern segeln anschließend weiter. Auf Lihir wird Gold abgebaut und dort, wo die Erde aufgewühlt ist, sieht es aus wie in einer  Wüste, Rauchsäulen steigen vereinzelt auf und neben der großen sandfarbenen Narbe stehen Industrieanlagen.

Der Ort Kavieng auf der großen Insel New Ireland (ehemals Neu Mecklenburg) ist unsere letzte Station in Papua Neuguinea. Hier werden wir ausklarieren.

Unser Ankerplatz liegt etwas von Kavieng  entfernt gut geschützt vor der kleinen vorgelagerten Insel Nusa. Darauf befindet sich das Nusa Island Retreat, eine schöne Anlage mit Stelzen-Bungalows, einem Restaurant. Hauptsächlich  Australier kommen zum Surfen hierher, da sich an den umliegenden Riffen und Stränden gute  Wellen aufbauen. Durchreisende Segelboote sind auch hier herzlich willkommen. Wir können unsere Wäsche zum Waschen abgeben und Diesel bunkern, der in 200-Liter-Fässern herangefahren und in unseren Tank gepumpt wird. Und dazu das abendliche Buffet, das auch sehr zu empfehlen ist.

Auf den Spuren der Atlanten

Die Besitzer des Resorts haben zur Unterstützung ein junges Paar als Manager eingestellt. Lucia stammt aus Prag und Kurt hat deutsche, australische und papua-neuguineische. Seinen Nachnamen ist Diercke, wie der gleichnamige, bekannte Schulatlas. Und wirklich, sein Urgroßvater war eben jener Carl Diercke, der den ersten Schulatlas zusammengestellt und mit dem Westermann Verlag 1878 herausgegeben hat. Der Sohn von Carl Diercke führte das Atlantengeschäft weiter, doch dessen Sohn, Kurts Vater, wiederum wanderte nach Papua Neuguinea aus, transportierte Güter auf seinem Boot und wurde später Besitzer einer Kokosplantage. Als sein Vater starb, war es offensichtlich nicht möglich, ihn binnen der Sieben-Jahresfrist zu finden, sodass er die Rechte an dem Atlas verlor. Der junge Kurt Diercke war vor kurzem in Deutschland unterwegs, hat die Gedenktafel für seinen Urgroßvater im Ort Kyritz gefunden und auch den Westermann-Verlag besucht, der ihm nun Atlanten für die Schulen in PNG schickt. Er gab uns ein Buch mit, die Erinnerungen von Albert Hahl, Richter und Gouverneur von Neuguinea bis 1914, eine ausgesprochen spannende Lektüre über diese Zeit.

Wir gönnen uns hier ein paar Tage Ruhe und genießen ein bisschen den Luxus des Resorts, bevor wir uns die nächste lange Seestrecke vornehmen mit Ziel Guam. Einmal noch auf dem großen Stadtmarkt von Kavieng einkaufen, dann geht es weiter!

Ninigo – Mal und Longan Island (Mellifera)

Auf der Überfahrt von Kavieng auf das Ninigo Atoll werden wir von einer starken Strömung unterstützt, die vor allem nördlich von Lorengau nach Westen setzt. Wir nutzen die Süd-Ost-Einfahrt und ankern vor Mal Island. Bald kommt Kathy in Ihrem Kanu, um uns begrüßen. Sie freut sich sehr: Es ist das erste Mal, dass ein Boot vor ihrem Haus ankert, und quasi als „Nachbarin“  ist sie für uns „zuständig“. Sie bringt uns Obst und Gemüse als Willkommensgeschenk und zeigt uns, wo wir mit dem Dinghy anlanden können. Jeder Tag auf Mal Island beginnt und endet danach mit einer Art Ritual. Wir sitzen mit Kathy und ihrem Mann Willy am Strand bei grüner Kokosnuss und erzählen morgens von unseren Plänen und abends von unseren Erlebnissen. Wir besuchen die Krankenstation im Westen der Insel und das Dorf von Thomas und seine Familie im Osten. Überall werden wir mit offenen Armen empfangen und mit überwältigender Gastfreundschaft aufgenommen. Thomas‘ Frau hat einen kunstvollen Sonnenhut als Geschenk geflochten und wir werden mit Obst und Gemüse überhäuft. Andreas verbringt einen Tag beim Speer Fishing mit Thomas‘ Sohn Richard. 
Die Insel Mal ist sehr schmal und etwa zwei Kilometer lang. Über die gesamte Länge führt ein traumhafter Sandpfad, der viel Bewegungsmöglichkeit für eingerostete Segler bietet.
Anschließend besuchen wir die Insel Longan. Wir haben schon viel Gutes von Oscar und seiner Familie gehört. Trotzdem ist der Empfang überwältigend. Oscar schlachtet ein Schwein zu unseren Ehren, was sonst nur bei Hochzeiten und großen Festtagen geschieht. Die Insel ist sehr dicht besiedelt und auf unseren Spaziergängen werden wir von jedem Haus mit Bananen, am Feuer getrocknetem Fisch, Süßkartoffeln und Kokosnüssen beschenkt, bis unser Dinghy randvoll ist.
Nach Ninigo kommt kein Versorgungsschiff. Einzige Ausnahme: In einem fünf Meter langen Banana-Boat erreicht eine Gruppe von Männern den Strand von Longan. Sie kommen aus Lorengau und sind 350 Kilometer auf dem offenen Meer gefahren. Es sind illegale Flüchtlinge aus dem Iran, die Australien nach PNG abgeschoben hat und ein ehemaliger Bewohner der Insel, der eigentlich in Lorengau im Gefängnis sitzt. Sie wurden mit ein paar Säcken inzwischen durchgeweichten Reises von der Regierung hierhergeschickt. Der ehemalige Häftling wurde zur Navigation aufs Boot gesetzt. Diese lebensgefährliche Reise wollte man wohl nur Flüchtlingen zumuten.
Deshalb ein dringender Aufruf an alle, die Ninigo besuchen wollen: Bitte bringt hunderte Kilo Reis, Mehl, Kleidung, Matratzen, vielleicht auch Solar-Kombinationen (Licht, Batterie, Panel) mit. Die Güter werden von den Bewohnern auch abgekauft. Und dann noch einen herzlichen Gruß an Oscar von der SY Mellifera!

Birgit Fernengel, Andreas Neumann (SY Muktuk), Judith Bosch, Andreas Schwalb (SY Mellifera)

Wissenswertes zu Papua Neuguinea

Einklarieren
Für PNG muss man sich nicht vorab anmelden.
In Port Moresby organisiert der Papua Royal Yacht Club den Besuch der Behörden an Bord; website: www.rpyc.com.pg, Facebook: https://www.facebook.com/royalpapuayachtclub
Innerhalb des Landes sollte man sich auch, wenn man die Provinz wechselt, ab- beziehungsweise anmelden. Vor der Abfahrt aus Port Moresby erhielten wir ein Ausklarierungsdokument, das wir bei der nächsten Provinz (Kavieng) bei den Behörden vorzeigen mussten.
In Kavieng kommen die Behörden nicht an Bord. Einfach im Ort nach dem Custom/Immigration Büro fragen.

Ausklarieren
Die meisten Segler klarieren in Kavieng aus. Die Behörde arbeitet von Montag bis Freitag, am Wochenende ist sie geschlossen. Man kann allerdings mit der Angabe der genauen Abreisezeit beispielsweise für die Abfahrt am Samstag vorab am Freitag ausklarieren.

Internet
Es gibt in PNG inzwischen auch in abgelegeneren Gegenden Funkmasten, mit einer Sim-Karte von Digicel gibt es meistens guten Empfang.

Wetter
Die kleinräumige Wettervorhersage war nicht immer zuverlässig, da die Abdeckung mit Wetterstationen in der Coral Sea nicht so gut ist. Ein neuer Wettersatellit namens Aeolus, der im letzten Jahr in Betrieb genommen wurde und die Windströme aus dem All messen kann, soll nach und nach bessere Wettermodelle liefern können.

Sonstiges
Bei www.noonsite.com gibt es viele aktuelle und hilfreiche Informationen über PNG.
So wird beispielsweise zur Webseite der Yacht Adina verlinkt, auf der man eine Excel-Tabelle mit guten und sicheren Ankerplätzen von den Louisiaden bis Kavieng finden kann. Sie liefern auch gute Tipps zum Proviantieren und Tauschen.
 


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