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Boat-Office dank Internet vom Himmel

20. Juli 2022
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Kein Segelreisebuch kam früher ohne ein Kapitel zur Kommunikation aus. Das hieß: Briefe, die monatelang in Hafenbüros oder Postämtern warteten und am Ende vielleicht nie abgeholt wurden. Wer Reiseberichte, wie im TO-Magazin, schrieb, diktierte sie über knacksende Leitungen per Telefon um den Globus oder schickte sie handgeschrieben mit der Post.

Heute kann sich das kaum noch jemand vorstelle. Im eigenen Youtube-Kanal schildern wir selbstverständlich unsere Erfahrungen, ein Instagram-Profil macht Lust aufs Mitsegeln bei Freunden und Verwandten, die Facebook-Seite zeigt live den Ankerplatz der letzten Nacht und im Blog sind wir philosophisch.  Medien gehören zum Langfahrtsegeln oft ebenso dazu, wie ein Beiboot. – Früher lukrativ, reicht Reisen, und davon immer direkter von Bord zu berichten, heute aber nur selten für ein funktionierendes Einkommen unterwegs. 

Wer nicht auf die Rente warten und für den Lebensunterhalt nicht auf „Rasender Reporter“ umschulen mag, hat nur eine Wahl: Den angestammten Beruf mit an Bord nehmen. Programmierer, Mediengestalter, selbst Steuerberater. Dank Videokonferenz, Chat und E-Mail, lassen sich ganze Firmen vom Ankerplatz aus führen. Mit Mobilfunk an Bord funktionierte das küstennahe Boat-Office schon vor Corona und nach fast drei Jahren Pandemie braucht auch niemand mehr zu verstecken, von Bord aus zu arbeiten.

Starlink in der Marina oder vor Anker

Seit einer Weile verspricht Starlink, das weltumspannende Netz aus tausenden Kleinstsatelliten besseres und günstigeres Internet an Bord und in den entlegensten Winkeln der Welt. Der Anschluss an dieses Netz ist eine kleine flache Antenne mit dem Spitznamen „Dishy“. Die fängt Satellitendaten ein, richtet sich selbst aus, und funkt Mails, Fotos, Instagram-Reels und den Videocall ins All. Die empfangenden Satelliten funken sie dann zurück zur Erde ins Internet. Seit Ende der Starlink-Erprobungsphase funktioniert das auch in immer mehr Ankerbuchten und Marinas in immer weiteren Teilen der Welt. 

Bereits vergangenes Jahr fiel dazu in den USA die „Zone“ als limitierender Faktor: Der beschrieb einen Kreis mit etwa 15 Meilen um den in der Bestellung des Paketes angegebenen Wohnort des Nutzers. Wird seit dem beim Bestellen die „RV“-Option angekreuzt, ist auch in Europa heute ein semimobiler Einsatz möglich. „Semi“, weil das mobile Terminal sich beim Betrieb nicht bewegen darf. – So zumindest steht es in der Beschreibung. Die Nutzung mit der RV Option ist zudem begrenzt auf einen Kontinent und einen Bereich bis etwa 20 Seemeilen vor der Küste. In der Praxis sind diese Werte aber weit flexibler.

Technisch liegt die Beschränkung an Landnähe vor allem daran, dass die Satelliten für den Kanal zur Erde eine Bodenstation erreichen müssen. Auf der Hochsee geht das nur, wenn Daten zuerst zwischen Satelliten weitergegeben werden, bis einer die Verbindung zum Boden herstellen kann. Auch diese Option ist seit Anfang Juli 2022 unter dem Namen Starlink Maritime verfügbar. – Mit einigen Haken.

Für den Betrieb an Bord ist die zum RV-Paket gehörende Antenne zudem nicht gedacht: Änderungen des Abstrahlwinkels bei Seegang und Krängung sorgen technisch für Abbrüche der Verbindung. Vor Anker und am Steg funktionierte das System jedoch zumindest bisher auf Schiffen recht gut.

Dafür reicht ein provisorischer Aufbau, beispielsweise am Heckkorb. Vor Anker steckt man die Antenne kurz auf und innerhalb weniger Minuten ist der Netzzugang hergestellt. Umgekehrt lässt sich die teure Antenne in Fahrt unter Deck sicher verstauen. – Ideal für Crews, die ohne Zeitdruck unterwegs sind und längere Zeit in Ankerbuchten oder Marinas bleiben.

Starlink auf hoher See bremst anscheinend den RV-Betrieb

Seit die mobile Lücke auf hoher See geschlossen ist, mehren sich aber auch Berichte von Usern, die Veränderungen beim RV-Betrieb beobachten: So reichen offenbar schnelle Wechsel der Strömung oder Windrichtung, um die Verbindung kurzfristig zu unterbrechen. Die Antenne stellt sich dann für einen Augenblick in den Ruhemodus, weil sie Bewegung feststellt. Wenig später richtet sie sich neu aus. Andere Berichte, beispielsweise in der Facebookgruppe „Starlink on Boats“ beschreiben, dass bisher bis etwa sieben Knoten Fahrt ein problemloser Betrieb möglich war. Seit kurzem genügt jedoch bereits ein stets Tempo von zwei oder drei Knoten über Grund für das Ende des Betriebs. 

Die Vermutung liegt nahe, dass das Unternehmen per Software versucht, sein maritimes Paket zu bevorteilen, indem es die RV-Lösung behindert. Konkrete Beweise dafür gibt es aber nicht. Selbst wenn es so ist, bleibt es unwahrscheinlich, dass jeder RV-Nutzer an Bord kurzerhand umsteigt:

Das Starlink maritime Paket, das explizit für Yachten beworben wird, benötigt nämlich zwei Antennen. Die sind erforderlich, damit die Bewegung im Seegang keine Abbrüche der Verbindung verursacht. Obendrein sind diese Antennen etwas größer als die „Dishy“ an Land. Vor allem aber wiegt die Hardware nicht nur am Heckkorb schwer: 10.000 US-Dollar kostet das maritime Internet-Paket. Dazu kommt ein Flatrate-Abo mit 5.000 US-Dollar monatlich. Zum Vergleich: In Deutschland kostet die RV Variante derzeit einmalig 629,- Euro, dazu kommen 124,- Euro monatlich für die Starlink-Internet-Flatrate. 

So er denn geträumt wurde, muss der Traum von Netflix und TikTok bei der Hundewache damit auf den meisten Yachten auf absehbare Zeit weitergeträumt werden. Zumindest am Ankerplatz ist der Weg für ein vernetztes Boot weitab von Mobiltelefon oder WLAN aber geebnet. Ein entsprechend großes Business vorausgesetzt, kann sich sogar die Investition in Starlink Maritime rechnen. Einen individuellen Gegenwert für das Privileg, vor einem entlegenen Atoll zu arbeiten, wird sicher jeder für sich finden.

Eine Übersicht der offiziell verfügbaren Regionen für den RV-Betrieb bietet Starlink auf seiner Webseite www.starlink.com/map?source=rv

Bestellen kann man seinen Starlink Zugang nur über die Webseite www.starlink.com. Das Set wird dann direkt nach Hause oder zum Boot geliefert und muss selbst installiert werden.

Hinnerk Weiler
 
 


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