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TO fragt, Susanne antwortet. Runde 2


 

TO fragt, Susanne antwortet. Runde 2

Verfasst von Peter Wiedekamm (TO) am 24. Mai
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Susanne Huber Curphey ist mit ihrem Boot Nehaj auf den Weg zu ihrer Werft in den Niederlanden. Die Schäden am Rumpf durch die Strandung in La Réunion (Indischer Ozean) müssen behoben werden. Doch statt das Boot alleine mit einem Frachtschiff transportieren zu lassen, entschied sich Susanne für den Törn durch den Nordatlantik auf eigenem Kiel. Nach einer kleinen Pause auf den Azoren ist sie nun auf dem zweiten Reiseabschnitt nach Europa. In losen Abständen nutzen wir die Gelegenheit und befragen Susanne. Nach Teil 1 hier nun weitere Antworten von Deutschlands erfahrenster Einhandseglerin:

Frage 5:

Du bist schon mitten im Atlantik. Hast Du andere Boote oder Schiffe gesehen?

Antwort 5:

Auf der Passage von Martinique zu den Azoren sah ich nur wenige Schiffe. Allerdings ist diese Gefahr der 'alten Tage' mit AIS nun fast vorbei. Auf hoher See sendet jedes Schiff ein AIS Signal, manchmal sind sogar Netzmarkierungen damit ausgerüstet. Mit dem Stromverbrauch von einem halben Ampere sendet mein AIS immer, das schafft das 120W Solarpanel gut. Es besteht natürlich noch immer die Gefahr einer Kollision mit Treibgut, wobei mir vor allem bei Sturm verlorene Container Sorgen machen.

 

Frage 6:

Fängst Du Fische?

Antwort 6:

Mit dem Fischen habe ich schon vor vielen Jahren aufgehört. Anfangs ekelte mich als gefangene Thunfische kleine Maden im Fleisch hatten. Dann wurde mir dieses 'Abschlachten' immer unangenehmer, obwohl ich den Fisch zuvor bereits mit einem Schuss Schnaps in die Kiemen betäubte. Hatte mir gedacht ein Tod durch Alkohol ist besser als erschlagen zu werden... Im Übrigen ist ein Hochseefisch immer zu viel für eine Person. Weil ich an Bord keine Kühlung habe, wurde mir das Einkochen auf See zu viel. Eine in allen Farben schillernde Dorade in ihrer puren Lebenskraft zu töten will ich ganz einfach nicht mehr mit ansehen.

Frage 7:

Wie steuerst Du eigentlich Nehaj?

Antwort 7:

Solange das Boot unter Segel Fahrt macht steuert meine Selbststeueranlage absolut zuverlässig. Bei Leichtwind bis nur einem halben Knoten. Nach oben gibt es für 'Miss Aries' keine Grenze.

Bei Starkwind oder gar Sturm von Hand zu steuern gibt es bei mir nicht. Bevor es allerdings gefährlich wird und in hohen Brechern ein seitlicher 'Knockdown', oder bei zu viel Fahrt das Durchrollen über den Bug passieren könnte, verwende ich 'meine Lebensversicherung' des 'Jordan Series Drogue'. Das ist ein über dem Heck ausgebrachter Treibanker mit vielen kleinen Trichtern.

Die Mechanik von 'Miss Aries' braucht ab und zu ein wenig Öl zur Schmierung, aber sie benötigt keinen Strom und hat keine Elektronik. Etwa alle 2.000 Seemeilen verkürze ich die 6mm dicken Steuerleinen um Scheuerstellen zu wechseln. Danach drehe ich die Leinen herum und nach 10.000 Seemeilen gibt es zwei neue Leinen mit je 5 Meter Länge. Mit einem Gummizug auf je einer Seite der Pinne lässt sich eine Steuerleine auch unterwegs leicht wechseln.

Für seltene Motorfahrten bei Flaute habe ich einen Mini-Autopiloten, der einfach auf der Pinne sitzt.

 

Frage 8:

Neun gebrochene Spanten im Boot. Hast Du jedem einzelnen schon einen Namen gegeben? Wie oft kontrollierst Du den Zustand?

Antwort 8:

Die geknickten Spanten von Nehaj haben zwar keine Namen, aber ich fühle mich dem Boot extrem verbunden. Meine eigenen Rippen haben ja auch keine Namen. Den Blick in die Bilge mache ich eigentlich ständig, um bereits wenige Tropfen eines möglichen Lecks sofort zu entdecken.

Solange Wind und See achterlich von querab kommen (wie auf der Strecke mit 5.700 sm von Südafrika nach Martinique im Februar) bin ich nicht in Sorge. Selbst Starkwind von achtern, wie vor der Küste von Südafrika war kein Problem. Bei Welle auf die deutlich weniger beschädigte rechte Rumpfseite bin ich auch noch entspannt.

 

Frage 9:

Brauchst Du viel Disziplin, um bei gutem Segelwetter nicht maximale Geschwindigkeit zu laufen?

Anwort 9:

Schwierig wird es auf Steuerbordbug bereits bei angenehmen Wetter. Dann reduziere ich die Geschwindigkeit radikal und muss evtl. auf dem anderen Bug beidrehen. In solch einer Situation lege ich oft die Hand auf die sich zwischen den Rippen leicht bewegenden Rumpfplatten. Und ich stecke die Finger in die bis zu 15mm breiten Spalten zwischen Rumpf und Spanten, um auch kleinste Bewegungen zu ertasten. Dort habe ich kleine Holzkeile eingehämmert. Falls diese heraus rutschen, weiß ich dass sich der Rumpf bewegt. Das ist zum Glück nur selten passiert. Für mich sind diese kleinen Keile ein gutes Warnzeichen, deshalb habe ich eine temporäre Verstärkung mit Epoxy vermieden.

Die Lage ist schwierig, denn bisher konnte mir kein Experte die wirklich vorhandene Reststärke im Rumpf bestätigen. Immerhin ist der Rumpf auf einer Fläche von fünf Quardratmetern um bis zu 25 cm eingedrückt, und zwischen den Spanten (im Abstand von 40 cm) sieht es unter Wasser aus wie eine durchhängende Wäscheleine. Nehaj hat bei ihrer Strandung auf Fels in hohen Wellen etwas durchgemacht, das eigentlich kein Boot überleben kann. Seit November hat sie mit dem Schaden über 10.000 Seemeilen gut hinter sich gebracht, da werden wir die restlichen knapp 2.000 bis Holland auch noch schaffen.

Die kompetente Werft in Sneek wartet auf uns!

Susanne.


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